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Ein Tag im Jobcenter : Es brennt lichterloh!

  • -Aktualisiert am

In der Jobcenter-World ist das Leben berechnet und reglementiert, auch wenn es so ungeordnet aussieht. Bild: Kat Menschik

Alkoholbäuche, der Geruch von Rasierwasser, rausgewachsene Haarfarben, billiger Goldschmuck. „Kopf kaputt, because my wife escaped“: Besuch an dem Ort, an dem keiner sein möchte - ein Tag im Jobcenter.

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          Das Jobcenter vergibt Lebensmittelgutscheine im Wert von rund achtzehn Euro, und mit diesen Gutscheinen wird, so erklärt die zarte Arbeitsvermittlerin, deren „Team“ für Selbständige zuständig ist und neben der ich einen Tag lang sitzen und ihr beim Gespräch mit den „Kunden“ zusehen darf (immer wichtig beim Amt: positive Formulierung, das heißt, eben nicht Arbeitslose, sondern Kunden, nicht Amt, sondern Jobcenter sagen), mit diesen Gutscheinen wird also vor dem Jobcenter Neukölln gehandelt. Sind achtzehn Euro ein Betrag, der irgendwie spannend klingt? Ach, sagen wir doch lieber zwanzig. Echt, ich würde zwanzig sagen. Zwanzig ist eine gute, eine glatte Zahl, für einen Tag, und so denkt man als Mensch, der keine Lebensmittelgutscheine bezieht. Im Jobcenter denkt man natürlich anders, in der Jobcenter-World ist das Leben ein Vorgang und exakt vermessen, berechnet und reglementiert.

          Dabei sieht es vor dem Jobcenter-Bau, der durch eine der welttraurigsten Einkaufspassagen führt (heißt im Ernst Kindl-Boulevard), so unordentlich aus: Alkohohlbäuche, frisch gekämmte Köpfe und der Geruch von Rasierwasser, Zigaretten in faltigen, in jungen, in knallroten Mündern, gelbe Bärte, Klettverschlussschuhe mit neonfarbenen Blitzen darauf, rausgewachsene Haarfarben, billiger Goldschmuck neben dezentem Schmuck, Satzfetzen unterschiedlichster Herkunft, schnelle und schlendernde Schritte, Frauen mit und ohne Kopftücher, ein Mann steht da und ruft „Anwalt kostenlos, Anwalt kostenlos“ und verteilt Handzettel („Fachanwalt für Sozialrecht, Schwerpunkt Hartz IV, war zwei Jahre Mitarbeiter in Widerspruchsstelle eines Berliner Jobcenters, kennt daher die internen behördlichen Abläufe bei Hartz-IV-Fällen, berät, überprüft, legt Rechtsmittel ein, etwa bei: Ablehnung, wenn Leistungen nicht rechtzeitig gezahlt werden, Kosten für Miete nicht übernommen werden, wenn ein Umzug abgelehnt wird, Leistungskürzung, unrichtiger Anrechnung von Einkommen oder Vermögen, Rückforderungen und bei allen anderen Fragen zu Hartz IV“), der Mann ruft, aber die Unordnung formt sich und strömt an ihm vorbei, nach drinnen, hinter die Jobcenter-Mauern, wo man wohl tagtäglich mit dem Versuch befasst ist, dieses Chaos zu ordnen, das eigentlich einer geregelten Tätigkeit nachgehen und eben nicht zum Jobcenter gehen sollte. Die Menschen sortieren sich in die Fahrstühle ein, sie fahren zu den für sie zuständigen Stockwerken, und man sieht an ihren nach unten fließenden Gesichtern, dass keiner von ihnen hier sein möchte.

          „Neukölln ist voll mit uns“

          Erster Kunde: Ein modisch gekleideter Mann, dem man die Last des Hinwegs anmerkt, kommt in das Arbeitsvermittlungszimmer (normales Verwaltungszimmer, recht hell, Pflanzen, Familienfotos) und legt seine Unterlagen auf den Tisch. Die Arbeitsvermittlerin lächelt ihn an, freundlich, positiv, bejahend und absolut gecoacht. Sie möchte wissen, was sich so getan hat seit dem letzten Treffen. Kunde: „Ich lasse nichts schleifen. Ich bin mit allem im Plus.“

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