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Ein Tag im Jobcenter : Es brennt lichterloh!

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Im Jobcenter als Jobvermittler zu arbeiten ist jedenfalls eine totale Zumutung. Die Arbeitsvermittlerin bestätigt, dass derart ausgeflippte Meetings nicht die Regel seien. Es folgen noch vier, fünf, sechs weitere Termine. Dauerlauf. Man braucht Kondition.

Ein polnischer Handwerker Ende fünfzig, in Handwerkerkleidung erscheint in Begleitung eines Dolmetschers, der in der Nase popelt und auch nicht damit aufhört. Alle Anwesenden erschöpft, eine Scheinselbständigkeit ist zu prüfen. Die Arbeitsvermittlerin weiß nicht, ob der Handwerker die Wahrheit darüber sagt, was er wann verdient hat, der Handwerker weiß nicht, welcher Verdachtsmoment jetzt gerade im Raum steht (Arbeitsunwilligkeit, Täuschung, Falschangaben?). Ein misstrauischer Tanz, der bis zum Ende gebracht werden muss. Die Fragen der Arbeitsvermittlerin beantwortet er meistens mit einem Schulterzucken und sitzt da wie ein Stein. Das durchgecoachte Amtsdeutsch prallt auf den Stein, der ohnehin nichts versteht, und den Dolmetscher, den es nicht interessiert. Der Dolmetscher ist ebenfalls Handwerker und hat einen Betrieb, die Arbeitsvermittlerin weist ihn darauf hin, dass er vom Jobcenter unterstützt werde, wenn er den anderen Handwerker einstellt. „Man muss auf gute Ideen kommen“, sagt sie.

Und so geht es weiter, immer weiter

Weiter. Ein gut aussehender Schauspieler, der jetzt Imagefilme macht. Vorher Privatinsolvenz. Sehr ernst, erschöpft. Wollte bestimmt mal viel mehr. Erklärt und rechtfertigt sich. Aber das ist doch ein erwachsener, total vernünftiger Mann, warum muss der sich so unangenehm ausziehen? Die Arbeitsvermittlerin bietet ihm ein Coaching an, das ihm dabei helfen soll, mit seiner Selbständigkeit erfolgreich zu werden. Ein Mann, der kein Deutsch kann, erscheint und hat seinen Dolmetscher vergessen. Spricht man kein Deutsch, braucht man einen Dolmetscher, denn im Jobcenter wird Deutsch gesprochen. Warum? Arbeitsvermittlerin: „Die Arbeitsvermittler dürfen nicht übersetzen. Deutsch ist die Amtssprache.“ Womit natürlich keinem geholfen ist, wenn es darum geht, sich zu verständigen.

Dem Mann geht es nicht gut, die Augen sind ganz müde, die Lider zum Zufallen bereit. „Mein Kopf ist kaputt, because my wife escaped.“ Komm, leg dich ins Bett, denkt man, schlaf erst mal zwei Wochen. Es folgt ein Dialog in gegenseitigem Unverständnis, wobei die Arbeitsvermittlerin versteht, dass dieser Mann etwas ganz anderes braucht als das Reden über Bedarfsgemeinschaften und Wiedereingliederungsvereinbarung, von denen er gar nichts versteht, aber die Arbeitsvermittlerin würde ihre Arbeit nicht machen, würde sie nicht genau davon reden, würde sie diesen Termin nicht einfach durchziehen, egal, ob der Mann sie versteht oder nicht. Und wahrscheinlich darf sie es sich auch nicht erlauben, zu viel zu verstehen, weil sie sonst irgendwann begraben würde unter der Masse an schweren Leben, die im Sinne des deutschen Staates einfach nicht in Ordnung zu bringen sind; und so geht es weiter, immer weiter, an diesem Tag und nächste Woche und in den Monaten danach.

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