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Ein Tag im Jobcenter : Es brennt lichterloh!

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Der Mann hat einen sehr speziellen Beruf, er ist selbständiger Setdresser, das heißt, er gestaltet die Kulisse von Fotoshootings. Früher war er erfolgreich. Er hat heute ein Magazin dabei, in dem ein von ihm arrangiertes Set zu sehen ist. Er legt der Arbeitsvermittlerin das Magazin zur Ansicht vor, die es aufmerksam durchblättert und anerkennend nickt. Ein bisschen wie in der Schule, nur, dass da ein erwachsener Mann sitzt, der nachweist, dass er nicht faul war. Die Auftragslage ist schlecht, der Mann wird vom Jobcenter unterstützt, er soll aber nicht mehr unterstützt werden müssen.

Der Mann und die Arbeitsvermittlerin, diese beiden zueinander Gezwungenen, unterbrechen sich gegenseitig im Dialog über die Frage, was sich nun seit dem letzten Treffen getan hat und ob die Honorarvorstellungen des Mannes angemessen sind oder nicht, wobei der Mann gerne viel redet. Es ist ein kleiner Kampf. Der Mann macht Gebrauch von seiner stärkeren Stimme, die Arbeitsvermittlerin redet weiter, die beiden Stimmen liegen aufeinander, und die Arbeitsvermittlerin versucht einfach so lange weiterzusprechen, bis der Mann ruhig ist, freundlich und mit einer Wahnsinnsgeduld. Beide vordergründig höflich, aber in Wahrheit miteinander ringend.

Kunde: „Ich bin permanent im Internet.“

Arbeitsvermittlerin: „Was denken Sie, was Sie tun können, damit es besser wird?“

Die Arbeitsvermittlerin filtert in ihrem Rechner passende Angeboten für den Setdresser heraus. Das Kreuzfahrtschiff „Aida“ suche einen Dresser, was, so erklärt der Setdresser, aber nicht zu ihm passe, weil man da Kostüme nähen und Leute schminken muss.

Kunde dann: „Neukölln ist voll mit uns.“ Er meint all die Menschen, die kreativ sind. Die Arbeitsvermittlerin füllt die „Wiedereingliederungsvereinbarung“ aus (dieses Wort! Man ist nur drin, wenn man arbeitet und wenn man „vereinbart“, im gegenseitigen Einverständnis also, dabei muss man ja irgendetwas vereinbaren und das Vereinbarte auch noch einhalten), und in dieser Wiedereingliederungsvereinbarung steht, was der Kunde für Anstrengungen unternehmen wird, um wieder eingegliedert zu werden, und was für Leistungen das Jobcenter im Gegenzug bereitstellt.

Spitze Gegenstände außer Reichweite

Nächster Kunde. Eine junge Frau und ein Mann betreten den Raum, und es riecht streng nach Männerparfüm. Der Mann trägt Hut und Lederjacke, er hat ein Kneipengesicht, und man sieht sofort, dass ihm etwas nicht passt. Er stellt sich als „All-in-one-Consultant“ vor und legt seine Visitenkarte auf den Tisch, auf der genau das in Rot geschrieben steht. Wow. Jeden in jeder Frage beraten. Es geht aber nicht um ihn, sondern um die junge Frau, 25 Jahre alt, kommt aus der Slowakei, hat dort zwei Kinder und arbeitet in einer Billard-Bar und nur da, was sich als Problem erweisen wird, weil sie als Selbständige gemeldet ist, und da darf man nicht nur einen Auftraggeber haben, sonst ist man Scheinselbständiger. Der Grund, aus dem die Frau in Begleitung des All-in-one-Consultants heute erscheint, ist jedoch ein anderer. Sie und ihr Freund haben sich getrennt, jetzt kann sie die Wohnung nicht mehr bezahlen und braucht Unterstützung, die sie bereits beantragt hat. Aber das Geld ist noch nicht bei ihr angekommen. Die Frau guckt ratlos, die Arbeitsvermittlerin versucht, die Situation der Frau zu erfassen, der Consultant wird leidenschaftlich.

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