https://www.faz.net/-gqz-x8gl

Ein Star für die EM : Hymne auf Andrej Arschawin

  • -Aktualisiert am

Der Ball klebt ihm am Fuß: Andrej Arschawin Bild: picture-alliance/ EPA

Was für ein schmächtiger, unscheinbarer Typ, und dann dieser Auftritt, dieser Antritt, diese Kaltblütigkeit: Eine Hymne auf den russischen Stürmer Andrej Arschawin, der immer da ist, wo man ihn nicht vermutet, auch in der Mode und der Politik.

          5 Min.

          Die verrücktesten Momente dieser Europameisterschaft lassen an einen Satz Franz Kafkas denken: „Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.“ Als Ivan Klasnic die Kroaten in der letzten Minute der Nachspielzeit in Führung schoss, schien er diesen Aphorismus verstanden zu haben. Und weil der Beweis für Kafkas Paradox plötzlich in der Luft hing, materialisierte er sich glanzvoll mit Semih Sentürks Gegentor für die Türken. Als ihm nach siebentausendzweihundert Sekunden in der allerletzten der Ausgleich glückte, ahnte das fassungslose Publikum, dass die hundertzwanzig vergangenen Minuten nur ein Nebel waren, der sich über das immer schon gegenwärtige Ziel gelegt hatte.

          Die Türken hatten schlicht keine Zeit mehr, und irgendetwas in Semih hatte begriffen, dass es nun auch kein Zögern mehr gab. In diesem Moment war klar, dass die türkische Mannschaft gewinnen würde, weil sie in unübertrefflicher Tuchfühlung mit dem Ziel stand. Das Elfmeter-Schießen ist eine Königsdisziplin des Glücks, das eine Lücke in der Zeit entdeckt, und diese Lücke hatten die Türken schon eingenommen. Die kroatischen Elfmeterschützen schossen ihre kraftlosen Bälle in ein bereits randvoll besetztes, durch keinen Anlauf mehr einzunehmendes Tor.

          Ein kontrolliertes Pulverfass

          Auch der russische Stürmer Andrej Arschawin ist ein Spätentwickler. Die meisten großen Fußballbegabungen haben sich mit dreiundzwanzig auf den Radar der internationalen Öffentlichkeit gespielt. Arschawin musste siebenundzwanzig werden und war dann für die beiden ersten EM-Spiele gesperrt. Selbst im Match gegen die Holländer offenbarte er seine ganze Überlegenheit erst gegen Ende des Spiels durch eine Torvorlage und in der sechsundzwanzigsten Minute der Nachspielzeit durch den Treffer zum 3:1. Typisch für ihn sein Glückslauf mit dem glasigen Gesicht und dem vor die Lippen gelegten Finger: Eine religiöse Geste? Ein Hostienkuss? Eine Warnung an den Überschwang? Oder der Wunsch nach Stille, nach dem Einhalten des Jubels, der den magischen Moment unter sich begraben würde?

          In den verbleibenden Minuten wirkte Arschawin aufs Äußerste angespannt. Seine Konzentration verriet sich in purpurroten Wangen, er verhielt sich wie ein mühsam kontrolliertes Pulverfass, nicht wie jemand, dem der Sieg nicht mehr zu nehmen wäre. Vielleicht verriet sein an die Lippen gelegter Finger auch die Konzentration auf das Ziel und das quälende Wissen, dass in vier Minuten alles passieren konnte, wenn man es dem Glück erlaubte, den Respekt vor dem Ziel zu schmälern. Nach dem Abpfiff heulte Arschawin hemmungslos wie ein Kind, winkte, als er eine auf sich zielende Kamera entdeckte, kurz selig lächelnd hinein - und flennte weiter. Ein paar Augenblicke lang teilte die Weltöffentlichkeit die Einsamkeit des Siegers, der sie und ihre Erwartungen hundertzwanzig Minuten lang ausgeblendet hatte, um mit dem Tor allein zu sein.

          Die Ruhe eines Orkanzentrums

          Was wir sahen, war ein Spieler, der die Schwerkraft zugunsten des Tormagnetismus außer Kraft setzte. Arschawins Spielerpräsenz erstreckt sich in die Zukunft. Dank eines exorbitanten Raumgefühls weiß er instinktiv, wo seine Mit- und Gegenspieler sich aufhalten werden, und man kann sich des unheimlichen Gefühls nicht erwehren, dass dieser unglaubliche Läufer die Konstellationsketten, die zu seinen Treffern führen, wie ein Schach- oder Billardspieler mit der Ruhe eines Orkanzentrums voraussieht. Mit absolutem Torvertrauen hebt er den Ball in elliptische Bahnen, fischt ihn, ohne das geringste Zögern, zwischen den Beinen eines Entwarnung gebenden Torwarts hervor, schießt mit beiden Füßen, benutzt Hindernisse für Abprall-Effekte, traut den steilsten Winkeln, klebt am Ball, reguliert das Tempo, stürzt sich in Abwehrwände wie ein Haken schlagender Hase und macht seine Gegner, immer die Augen am Boden, zu unfreiwilligen Komplizen.

          Arschawins Kaltblütigkeit ist sagenhaft. Wenn er vor dem Tor verzögert, auf das sich alle kopflos stürzen, eine weitere Runde dribbelt, den Ball einen Meter weiter kickt, dann nur, um nicht am Ziel vorbeizuschießen, einem Ziel, das nicht das Tor ist, sondern die perfekte Kombination von Winkel, Kraft und Sekundenbruchteil. Im Abspiel läuft er immer genau dort, wo der Ball ihn braucht, als missing link des Fußballglücks, im Einklang mit einer superben Mannschaft, die sich genau darauf verlassen kann. Andrej Arschawin, das ist eine restlos in die Tat umgesetzte Intelligenz, der siebte Sinn für Lücken und ein Körper in vollkommener Balance.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Formel 1 in Brasilien : Ferrari flucht

          Verrücktes Finale beim Formel-1-Rennen in São Paulo: Die beiden Ferrari-Piloten schießen sich gegenseitig ab und scheiden nach der Kollision aus. Der Zoff der Stallrivalen bei der Scuderia eskaliert endgültig.
          Bleibt mehr Geld von der Betriebsrente?

          Betriebsrenten : Zusatzrente vom Chef

          Die Regierung macht Betriebsrenten attraktiver: Künftig werden weniger Krankenkassenbeiträge fällig. Vier Millionen Rentner dürfen sich freuen. Und was ist mit dem Rest?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.