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Ein Sitzenbleiber spricht : Ich, Ritter der Ehrenrunden

  • -Aktualisiert am

Sein erster Schultag: Hans Zippert, 1963. Bild: privat

Das Schuljahr ist zu Ende. Lehrer und Eltern fragen jetzt: Ist das Sitzenbleiben noch zeitgemäß? Mir hat die Schule insgesamt geschadet, das Sitzenbleiben aber nicht. Ein Erfahrungsbericht.

          Der vergangene Freitag war der letzte Schultag in Hessen. Die meisten Schüler wurden versetzt, aber einige nicht. Über den Sinn des Sitzenbleibens wird allgemein viel diskutiert. Politiker, die ein-, manchmal sogar zweimal wiederholt haben, melden sich zu Wort und behaupten, es habe ihnen nicht geschadet. Aber warum sind sie dann Politiker geworden?

          Ich habe bislang geschwiegen, obwohl ich möglicherweise über die profundesten Kenntnisse zu diesem Thema verfüge, denn ich bin dreimal sitzengeblieben. Und die Frage, ob es mir geschadet hat, kann ich erst am Ende dieses Besinnungsaufsatzes beantworten, denn dann weiß ich ja auch erst, was ich geschrieben habe. Es ist mir schon immer schwergefallen, die Folgen meines Tuns im Voraus zu bedenken, daher rührten unter anderem die Probleme in der Schule.

          Nicht fürs Gymnasium geeignet

          Fangen wir am Anfang an. Ich war ein guter Volksschüler, in Rechnen und Leibesübungen nur befriedigend, sonst gut oder sehr gut. Meine Mutter hatte für mich das Elitegymnasium der Stadt ausgewählt, auf das die anderen Söhne von Ärzten, Rechtsanwälten und Unternehmern gingen. Mein Vater hatte allerdings schlichtweg versäumt, eine Arztpraxis zu eröffnen, er war Sparkassenangestellter und lebte außerdem schon seit meiner Geburt nicht mehr mit meiner Mutter zusammen, die als Krankenschwester arbeitete. Das erklärt möglicherweise ihren Wunsch, mich auf dem Elitegymnasium unterzubringen: Sie wollte wissen, was die lateinischen Fachausdrücke bedeuteten, die die Ärzte benutzten. Latein war die Umgangssprache am humanistischen Gymnasium.

          Meinen ersten Aufsatz auf dem Gymnasium schrieb ich zum Thema „Zwiegespräch zwischen einer Stehlampe und einer Petroleumleuchte“. Obwohl sich die beiden grundverschiedenen Leuchtkörper bei mir wenig zu sagen hatten, enthielt der Aufsatz circa sechzig Fehler und wurde mit fünf minus bewertet, weil der Lehrer nicht schon zu Anfang Sechsen geben wollte. Der Grund für die ungeheure Fehlerquote lag darin, dass man uns auf der Volksschule nicht mit der Zeichensetzung vertraut gemacht hatte. Ich dachte, man setzt bei jeder Sprechpause ein Komma. Das denke ich eigentlich auch noch heute. Dank intensiven Trainings schaffte ich noch ein Ausreichend, wie in den meisten anderen Fächern auch.

          Ab der Quinta beziehungsweise der sechsten Klasse schleppte ich mindestens ein Mangelhaft mit mir herum, es begann in Englisch. Im Rahmen eines Elternsprechtags sagte der Klassenlehrer zu meiner Mutter, ich sei eigentlich nicht für das Gymnasium geeignet, und empfahl die Realschule. Meine Mutter empfahl sich und beschloss augenblicklich, nie mehr zu einem Elternsprechtag zu gehen, weil sie sich solche Unverschämtheiten als geschiedene Alleinerziehende schon oft genug anhören musste.

          Sitzenbleiben war nicht vorgesehen

          Auf die Realschule hätte ich niemals gehen können; ich wusste, dass dort nur Kinder von Asozialen waren, die ihre Schulbücher in brennende Mülltonnen warfen, und dass ich dort regelmäßig verprügelt werden würde. Das Bild von brennenden Mülltonnen existierte eigentlich noch nicht, aber die Realschule kam für mich der Bronx von 1980 gleich, die in Bielefeld allerdings damals Baumheide hieß. Dank der Nichteinmischungspolitik meiner Mutter war ich jeglicher elterlichen Kontrolle enthoben, mein Zeugnis wurde immer kommentarlos unterschrieben - so lange, bis ich es selbst unterschreiben durfte.

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