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Ein Recht auf Minarette? : Gerhard Schröders fauler Friede

  • -Aktualisiert am

Minarette Berlins Bild: ddp

In der „Zeit“ schreibt Altkanzler Gerhard Schröder über „Das Recht auf Türme“. Das Schweizer Bauverbot für Minarette zeigt seiner Ansicht nach, dass Europas Blick auf den Islam immer noch von Angst und Unwissen geprägt ist. Eine Antwort von Necla Kelek.

          Der bekannteste weise Narr der islamischen Welt ist Nasreddin Hodscha. Er soll im dreizehnten Jahrhundert in Anatolien gelebt haben, und man erzählt sich unter Türken noch heute seine Geschichten. Eine geht so: Nasreddin betrat ein Teehaus und verkündete: „Der Mond ist nützlicher als die Sonne.“ Die Leute waren erstaunt und fragten, warum. „Weil wir in der Nacht das Licht nötiger brauchen.“

          Gerhard Schröders Artikel zum Schweizer Minarettverbot erinnert mich mit seinen luziden Erkenntnissen über den Islam an diesen weisen Mann. Der frühere Bundeskanzler schreibt vom Mond: „Der Islam ist keine politische Ideologie, sondern eine friedliche Religion. Das lehrt der Koran.“ Und als Beweis legt er eine falsche Spur: „Es waren keine islamischen Staaten, die die beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts verbrochen worden.“ Das mit den Weltkriegen hat ja auch niemand behauptet, aber was ist mit dem heiligen Krieg, der seit seiner Erfindung im siebten Jahrhundert die Hälfte der damals bekannten Welt unter sein Schwert brachte und erst tausend Jahre später von den Polen vor Wien 1683 gestoppt werden konnte? Lehrte das der Koran?

          Zweierlei Maß

          Tilman Nagel und Bassam Tibi, zwei hervorragende Islamexperten unserer Zeit, forschten und lehrten in Schröders Nähe, in Göttingen. Sie hätten es ihm besser erklären können als ich: Der Islam ist Hingabe an den einen Gott. Er ist Glaube, Kultur, Weltanschauung und Politik. Seine Lehre kennt keine Trennung von Staat und Religion. Er ist unbestritten auch eine politische Ideologie, auch wenn Schröder das vom Tisch wischen will. Es gibt säkulare aufgeklärte Muslime, aber der Islam selbst kennt bisher keine Aufklärung, relativiert Menschenrechte unter den Vorgaben der Scharia, dem islamischen Recht, wie auch aus der Kairoer Erklärung der islamischen Staaten hervorgeht.

          Was Schröder über den Minarettstreit schreibt, ist schlicht diskriminierend - für säkulare Muslime hier und zum Beispiel in der Türkei. Er beschreibt die Werte der Demokratie und Aufklärung ganz richtig als „universell“, und gleichzeitig dürfe das nicht bedeuten, „kulturelle und religiöse Unterschiede beseitigen zu wollen.“ Ja, was denn? Es geht bei der Auseinandersetzung mit dem Islam doch gerade um die Grundfragen, um die Freiheit des Einzelnen, die religiös und kulturell zum Beispiel durch den Zwang zur Heirat eingeschränkt werden, und um die Freiheit von religiöser Bevormundung. Schröder legt zweierlei Maß an und relativiert.

          Kalkulierte Relativierung

          Da sind die Europäer, die die Aufklärung für sich gepachtet haben, und auf der anderen Seite die Muslime, die noch nicht soweit sind, von denen man nicht verlangen kann, dass sie die Menschenrechte achten und zulassen mögen, dass man Kirchen in ihrem Land zulässt. Schröders Männerfreundschaft mit Erdogan und die Hoffnung auf Demokratie in allen Ehren, aber die Frauen in der Türkei werden unter der AKP-Regierung immer weiter gesellschaftlich an den Rand, also ins Haus gedrängt. Nur noch jede vierte Frau ist erwerbstätig. Vor Erdogan war es noch jede Dritte. Aber das scheint Schröder nicht so wichtig, bei dem die „seltenen Fälle von Zwangsehen“ und das „Kopftuchverbot“ angeblich für das schlechte Image der Muslime herhalten müssen. Den Alltag der Muslime scheint der „Zeit“-Autor nur aus den Nachrichten zu kennen.

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