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Ein präsidiales Selbstmissverständnis : Er weiß nicht, was seine Rolle bedeutet

  • -Aktualisiert am

Eine Entschuldigung in der Rolle des Privatmanns: Bundespräsident Christian Wulff während des Fernsehinterviews am 4. Januar Bild: dpa

Man ist Mensch, sagte Christian Wulff im Fernsehinterview. Doch ums Menschsein geht es nicht, um das Bundespräsidentsein geht es. Das sollte der Amtsträger wissen.

          Vor ein paar Jahren hatte ich mal eine interessante Konversation mit einer niedersächsischen Landtagsabgeordneten. Genauer gesagt, sie hatte eine mit mir. Im Speisewagen war nur noch ein einziger Platz frei, den sie - nach freundlicher Frage - einnahm, um sich dann für das Buch zu interessieren, das ich eigentlich lesen wollte. Das war „Wir Wettermacher“ von Tim Flannery, und das Thema Klimawandel fand die Abgeordnete wichtig. So wichtig, dass sie mich von diesem Moment an ohne Unterlass darüber in Kenntnis setzte, wie sie die Sache mit dem Klima sah, was man dagegen zu tun gedenke und so fort.

          Bei dem Zug handelte es sich um einen der ICEs, die tatsächlich in Wolfsburg hielten. Dort musste sie aussteigen. Meine Abgeordnete suchte hastig ihre Sachen zusammen und schüttelte mir herzlich die Hand: „Auf Wiedersehen. Es war sehr interessant, sich mit Ihnen zu unterhalten. Seien Sie versichert, dass ich Ihre Anregungen aufnehmen werde.“ Das war cool. Ich hatte nicht im entferntesten auch nur die kleinste Anregung gegeben, ich war ja nicht einmal zu Wort gekommen.

          Von den Normalverhältnissen losgelöst

          Diese Art von Volksnähe begegnet einem in letzter Zeit häufiger: wenn Politiker zum Beispiel beabsichtigen, „die Menschen mitzunehmen“, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, ob die denn wohl mitgenommen werden wollen, und falls ja, von wem und wohin. Die Abschaffung des Bürgers passt ganz ausgezeichnet zum Selbstbild einer politischen Klasse, die sich nicht als Teil eines demokratischen Gemeinwesens versteht, sondern vermutlich als so etwas wie Manager einer Bevölkerung, die man prinzipiell für infantil und wenig einsichtsfähig hält.

          Tatsächlich gibt es kaum eine Berufsgruppe, der man ein vergleichbar geringes Maß an Eingebundenheit in soziale Normalverhältnisse attestieren muss, wie die heutige politische Klasse. Das hat damit zu tun, dass man auf diesem Feld nur dann etwas wird, wenn man von Jugend an in den entsprechenden Parteigliederungen sich aufhält, Netzwerke aufbaut, Einfluss gewinnt und vor allem lernt, Eindruck unter seinesgleichen zu machen. Das heißt, man spurt sich ausgesprochen früh in eine bestimmte Rolle ein und verbringt seine weitere Existenz im selben sozialen Umfeld. So etwas ist nie gut.

          Ein Leben in verschiedenen Rollen

          Denn in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften lernen ihre Mitglieder, wie sie flexibel zwischen unterschiedlichsten Rollen hin- und herwechseln und diese zugleich sorgfältig auseinanderhalten können. Von einem Vater wird nicht dasselbe Verhalten erwartet wie von einem Liebhaber, einem Skatfreund, einem Wissenschaftler, einem Patienten in der Sprechstunde beim Arzt, einem Festredner oder einem Freizeitsportler - all dies kann man aber in einer Person sein. Der amerikanische Soziologe Erving Goffman hat sich zeit seines Lebens damit beschäftigt, wie Menschen lernen, ihre multiplen Rollen einzunehmen. Dabei können die Anforderungen der einen Rolle in völligem Widerspruch zu denen einer anderen stehen, ohne dass uns das Probleme machen würde.

          Goffman hat das „Rollendistanz“ genannt: Man geht nicht in der jeweiligen Rolle auf, sondern kann gerade aus der einen Rolle heraus kritisch betrachten, was man in der anderen zu tun gezwungen ist. Die meisten Bewohner moderner Gesellschaften können das, oft sind sie sogar zur Selbstironie fähig. Möglich, dass das Problem des Bundespräsidenten exakt an dieser Stelle liegt. Er verhält sich eben nicht wie ein Bundespräsident, sondern wie eine Privatperson, die man bei irgendetwas Enttäuschendem wie einer Lüge oder einem Vertrauensbruch ertappt hat und die sich nun herauszuwinden versucht. Von Charakterstärke zeugt die Strategie, immer gerade so viel zuzugeben, wie ohnehin schon heraus gekommen ist, auch im Privaten nicht, aber das würde einen nicht weiter interessieren, wenn man mit dieser Person nichts zu tun hätte.

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