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Ein Porträt von Jane Austen? : Diese Nase trat in der Familie öfter auf

  • -Aktualisiert am

Sie könnte es sein: Skizze einer Dame, die Jane Austen ähnlich sieht Bild: Paula Byrne

Hat die Suche nach einem gesicherten Bildnis von Jane Austen ein Ende? Das glaubt zumindest die Besitzerin einer kleinen Bleistiftzeichnung. Doch schon regt sich Widerspruch.

          Das Schicksal und die Menschen hätten sich verschworen, um die Nachwelt auf Abstand zu Jane Austen zu halten, meinte der große Anglist David Cecil, als er vor mehr als dreißig Jahren ein Porträt in Worten verfasste. Als Autorin, deren Blick nicht nach innen, sondern nach außen gewandt war, auf die Beobachtung ihrer Umwelt, brachte Jane Austen, anders als Charlotte Brontë, wenig von sich selbst in ihre Romane ein. Sie führte ein ruhiges, unscheinbares Leben, von dem vor allem ihre Briefe Zeugnis ablegen, und wahrte ihre Anonymität, indem sie ihre Bücher als Werk „einer Dame“ veröffentlichte. Auf ihrem Grabstein fehlt jeder Hinweis auf ihre schriftstellerische Tätigkeit.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der Name der Autorin von „Stolz und Vorurteil“ prägte sich erst später der Allgemeinheit ein. Mit Jane Austens Nachruhm wuchs auch die Neugier auf ihre Person und ihr Aussehen, von dem wir uns anhand von zeitgenössischen Beschreibungen und einer unfertigen Tuschzeichnung von der Hand ihrer Schwester Cassandra nur ein umrisshaftes Bild machen können. Wie bei dem schwer zu fassenden Shakespeare führt das Bedürfnis nach einem „wahren“ Austen-Porträt zur Entdeckung von immer neuen Anwärtern.

          Sind Turm und Nase identifiziert?

          Das jüngste Beispiel ist eine lavierte Bleistiftzeichnung, mit Kreide gehöht auf Velinpapier. Sie misst 14,5 mal 12 Zentimeter und trägt auf der Rückseite neben einer Orts- oder Inventarnummer die Beschriftung „Miss Jane Austin“ - mit der Rechtschreiberei nahm man es damals nicht so genau. Die undatierte Skizze stellt eine gut gekleidete Dame mittleren Alters mit Haube dar, die kerzengerade vor einem Fenster mit Blick auf den Turm einer Kathedrale sitzt. Die Feder in der Hand, das Schreibpapier an die Kante des Tisches gelehnt, schaut sie sinnierend aus dem Bild, als suche sie nach Inspiration.

          Die Austen-Forscherin Paula Byrne ist überzeugt, dass diese Zeichnung ein ganz anderes Bild von Jane Austen vermittelt als das der sittsamen Tante, die Stäbchenspiele gemeistert und nebenbei ein bisschen gekritzelt hat. Statt der alten Jungfer, als die sie in den sentimentalisierten Porträts der viktorianischen Ära dargestellt wird, begegne dem Betrachter hier der Inbegriff der selbstbewussten Schriftstellerin, meint Paula Byrne, die nach einer lobend aufgenommenen Studie über Jane Austen und das Theater an einer Biographie der großen Erzählerin der kleinen Dinge arbeitet. Sie habe Jane Austen an der markanten Nase erkannt, die in der Familie häufig auftrete. Paula Byrne glaubt zudem, den Turm als den der Westminster Abbey identifizieren zu können. Demnach sei das Porträt in London entstanden, wo die Schriftstellerin gelegentlich bei ihren Neffen zu Besuch war.

          Ein symbolisches Porträt?

          Eine BBC-Sendung, die am zweiten Weihnachtstag ausgestrahlt wird, dokumentiert, wie die Zeichnung einer forensischen Untersuchung unterzogen wird, um zu ermitteln, ob Paula Byrne wirklich „eines der seltensten literarischen Porträts aller Zeiten“ besitzt. Dabei wird freilich verschwiegen, dass diese Darstellung der Forschung längst bekannt ist. Sie wurde von Deirdre Le Faye, Herausgeberin der Austen-Korrespondenz, 2007 im Jahrbuch der Jane-Austen-Gesellschaft publiziert als erstes von zahlreichen „imaginären“ Porträts, an denen sich nachvollziehen lasse, wie sich die Vorstellung von Jane Austens Aussehen dem Zeitgeschmack entsprechend verändert habe.

          Deirdre Le Faye datiert die Zeichnung auf das Jahr nach Austens Tod. Sie könnte von dem Pastor William Jones stammen, der Bildnisse von Autoren zu machen pflegte, die ihn beeindruckten. Wahrscheinlich basiere das Porträt auf der kurz nach Jane Austens Tod veröffentlichten biographischen Notiz ihres Bruders Henry. Als Deirdre Le Faye das Blatt begutachtete, befand es sich noch in der Sammlung des Antiquars Roy David, die im Frühjahr bei Bonham’s in London für 2160 Pfund als imaginäres Jane-Austen-Porträt versteigert wurde, das allerdings mehr von den Eigenschaften der Schriftstellerin erfasse als die Beschreibung Henrys.

          Deirdre Le Faye, die ihre Skepsis über Paula Byrnes These in der BBC-Sendung äußert, hält die Darstellung für ein symbolisches Porträt. Dafür spreche die Haube, die auf den ersten Blick aussehe wie ein auf die schriftstellerische Leistung anspielender Lorbeerkranz. Der hohe Kragen suggeriere nüchterne Unbescholtenheit, der Turm der Kathedrale Frommheit, während die schlafende Katze auf den unverheirateten Zustand deute - „ein Haustier statt Kindern“.

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