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Ein politischer Charakter : Die Pädagogik der Angela Merkel

  • -Aktualisiert am
Was wollen sie uns sagen? Angela Merkels Hände am Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2010
          8 Min.

          Vor vielen Jahren eröffnete Angela Merkel in meiner Heimatstadt Leipzig einen Radweg. Sie war damals noch Bundesumweltministerin, und der Radweg führte an einem Fluss entlang, der in einem Industrieviertel lag und wegen der vielen Fabriken, die an ihm standen, lange so schmutzig gewesen war, dass er wie eine Straße wirkte. Nun war der Fluss wieder sauber, was sich zwar nicht der Arbeit Angela Merkels verdankte, sondern der Tatsache, dass inzwischen die Fabriken fast alle pleite waren. Aber damals waren die meisten Leute im Osten ohnehin gezwungen, neue Wege zu gehen. Warum sollte die Bundesumweltministerin nicht einen davon einweihen?

          Zur Eröffnung waren ein paar lokale Politiker und auch der Bürgermeister gekommen, dazu ein paar Schaulustige und ein paar Menschen von der Presse. Ich war als Praktikant der „Bild“-Zeitung vor Ort, und als Angela Merkel in die große Runde fragte, ob jemand von der „Bild“- Zeitung da sei, sah ich keinen Grund, mich oder die Zeitung zu verleugnen und rief laut und ahnungslos: „Ja, hier!“

          Sie ist nicht gefallen

          Daraufhin erzählte Angela Merkel, sie sei vor kurzem schon einmal in Leipzig gewesen, um einen Radweg einzuweihen. Es sei ein schöner Tag gewesen und sie sei den Weg gemeinsam mit ein paar Bürgern sogar noch ein Stück abgefahren. Einem Reporter der „Bild“-Zeitung sei das wohl zu langweilig gewesen, weshalb am anderen Tag in eben jener Zeitung gestanden habe, dass sie bei der Eröffnung gestrauchelt und vom Rad gefallen sei.

          Ich will hoffen, sowas passiert mir mit Ihnen heute nicht, sagte Angela Merkel. Die Leute drehten sich nach mir um, und ich versuchte, ein Gesicht zu machen, als wisse ich nicht, worum es geht, was nur wirkte, als wisse ich es ganz genau. Ich wusste es aber wirklich nicht.

          Politische Arbeit und wenig Dramatik

          Zurück in der Redaktion erfuhr ich, dass mein Vorgänger im Ressort Radwegeröffnungen, ein Praktikant wie ich, zu dem Termin erst zu spät gekommen war, danach nichts Interessantes daran finden konnte, aber auch nicht ohne irgend etwas zurückkommen wollte. Also dachte er sich eine Geschichte aus, die spektakulär genug war, um gerade noch ins Bild zu passen. Angela Merkel fällt vom Rad. Er war nicht der erste und auch nicht der letzte Journalist, dem es mit ihr so ging. Und nun war ich der nächste.

          Inzwischen regiert Angela Merkel seit mehr als sechs Jahren das Land. Sie weiht keine Radwege in Leipzig mehr ein, sie baut ihre Partei um, setzt die Wehrpflicht aus, schaltet die Atomkraftwerke ab, rettet den Euro. Manchmal wird ihre Politik heftig kritisiert, manchmal weniger heftig. Was ihr aber, egal, was sie tut, während der ganzen Zeit immer wieder vorgeworfen wird, ist ihr Mangel an Dramatik.

          Brandgefährliche Langeweile?

          Angela Merkel meidet große Worte, unterläuft Auftritte, verschleift Konflikte, lässt Anfeindungen ins Leere gehen. In den Bundesländern gehen Regierungen verloren, Bundespräsidenten treten zurück, Europa türmt gipfelweise Bürgschaften aufeinander, von denen sich niemand vorstellen will, dass sie einmal fällig werden. Immer wieder heißt es, nun entscheide sich das Schicksal der Kanzlerin. Aber dann ist der Moment vorbei, und alles, was sich geändert hat, ist die Farbe ihres Blazers.

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