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Ein papierloser Restaurantführer : Abgewertet

  • -Aktualisiert am

Die gedruckte Version des Guide Michelin steht vor dem Aus. Bald sollen Internetnutzer sogar mitbewerten. Vergeben bald ketchupliebende Flegel die begehrten Sterne?

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          Das vergangene Wochenende wird in die französischen Geschichtsbücher eingehen. Die Fundamente der Republik sind erschüttert. Niemand rührt sich, aus Furcht, dass das ganze schöne Land, die Bauwerke und die Käse zu Krümeln zerfallen. Die Geschichte naht als mürrischer Oberkellner, der schon die Stühle hochgestellt hat. Im persönlichen Leben sind die Franzosen Tumulte gewohnt, und die Kritik der Zeitläufte und der Regierung ist ein kommunikativer Standard wie das Meckern über die anderen. Insofern sind auch die Buchstabenspiele einer amerikanischen Ratingagentur nichts weiter als Stoff für die morgendliche Suada, Schuld hat - da sind sich Linke und Rechte mittlerweile einig - an allem immer Sarkozy.

          Der wahre Schock kam von den Sternen und erschütterte die Wurzel des Französischseins. Metaphorisch kompliziert ist die Lage und sehr ernst. Der Guide Michelin will, so meldete „Le Monde“ am Samstag, seine Aktivitäten ins Netz verlegen, die Papierform des dicken roten Restaurantführers steht vor dem Aus. Die User sollen nun mitbewerten dürfen. Somit ist das letzte allgemein anerkannte, autoritäre Bewertungssystem der französischen Kultur bedroht.

          Joël Robuchon droht

          Texte, Kunstwerke, Beziehungen - alles ist im Dekonstruktivismus zur Verhandlungssache abgewertet worden, und man konnte damit leben. Aber doch nicht die Sterne: Drei oder zwei, vielleicht gar keiner mehr, das sind Fragen, über die bislang nur ein anonymer Areopag überhaupt nachdenken durfte. Und nun jeder ketchupliebende Flegel mit DSL? Die Michelin-Verantwortlichen versprachen, Missbrauch zu verhindern, worauf der große Joël Robuchon antwortete: „Eine einzige Panne und es ist aus - für uns und für euch.“ Gilt für Kernkraftwerke auch, aber in diesem Fall geht es um mehr.

          Die Welt wird für Franzosen erst in ihrer Abbildung auf einem Teller lesbar, und drei Sterne erleuchten den Olymp. Alles konnte mein französischer Großvater mit der Zeit verstehen: dass deutsche Erbfeinde seine besten Freunde werden, ein Mann auf dem Mond spaziert oder einen anderen Mann verliebt küsst. Nur bei der Frage, ob man etwas Warmes zu etwas Kaltem servieren darf, da endete sein Universum. Tabu war auch die Einnahme von Mahlzeiten im Stehen oder die Zubereitung von Tiefkühlkost. Einmal hat er ganz oben gegessen, bei Troisgros. Drei Sterne hatten die, immer und ewig, und boten ihm Stoff für Geschichten bis zum Rest seines Lebens.

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