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Fernando Aramburu : Ein Moralist, der nicht moralisiert

Endlich durchgesetzt: Fernando Aramburu, im vergangenen Jahr Bild: Laif

Er schrieb die Sensation des spanischen Buchmarkts: Fernando Aramburu erläutert die Entstehung seines Romans „Patria“.

          Der erfolgreichste literarische Titel der letzten Jahre in Spanien heißt „Patria“ und stammt von Fernando Aramburu, Jahrgang 1959: Allein das ist schon eine Nachricht, denn der dicke Roman, ins Deutsche gebracht von Willi Zurbrüggen und erschienen bei Rowohlt (F.A.Z. vom 18. Januar 2018), hat ein ernsthaftes Thema, das ebenso in die Gesellschaft wie ins Privatleben hineinreicht: den Eta-Terrorismus und dessen lähmendes Gift – Verbohrtheit und Opportunismus, Verdrängung und Scham. Zwei Familien, einst befreundet, entzweien sich, weil der Vater der einen von Radikalen ermordet wird und der Sohn der anderen darin verwickelt ist. Aber weniger um die Bluttat geht es in dieser Recherche als um die widersprüchlichen Empfindungen, die durch die Gewalt in neun sehr verschiedenen Figuren ausgelöst werden.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          In einem Nachwort zur spanischen Neuausgabe beim Verlag Tusquets (zu der auch der Unterzeichnete einen Beitrag geliefert hat) schaut Fernando Aramburu nun auf Entstehungszeit und Konzeption seines Romans zurück. Am Anfang stand eine schwierige Entscheidung: Der Autor wollte mit fünfzig Jahren – nach acht veröffentlichten Romanen, die ihm Respekt, aber materiell nicht viel eingetragen hatten – nur noch als Schriftsteller leben, statt sein Geld als Lehrer zu verdienen. Autoren erhalten in Spanien wenig oder gar nichts für Buchpräsentationen. Dichterlesungen im deutschen Verständnis gibt es sowieso nicht. Auch die Zeitungshonorare sind niedriger, was die Lage „freier“ Schriftsteller, die aufs Mitmischen im Kulturbetrieb angewiesen sind, prekär macht.

          In Deutschland hatte er kaum ein Publikum

          Fernando Aramburu aber hatte es noch einmal schwerer, denn in Deutschland, wo er seit 1985 wohnt, hatte er kaum ein Publikum; spanische Veranstalter wiederum luden den Mann aus Hannover ungern ein, weil seine Reisen so hohe Kosten verursachten. So blieb ihm vor allem seine Kolumne in der Tageszeitung „El País“.

          Dennoch wagte Aramburu im Jahr 2009 den Sprung: Sein umfangreichstes und ambitioniertestes Werk schrieb er mit einem Maximum an freier Zeit und einem Höchstmaß an Konzentration. Dem Roman „Patria“ – 125 Kapitel auf gut 700 Seiten – merkt man es an. Wechselnde Zeitebenen, ein großes Personal, ein komplexer Stoff, der sich in viele Episoden aus zwei Jahrzehnten auffächert, all das ist mit sicherer Hand gebändigt und auf einen eigenen Ton gestimmt. Der Effekt, der sich dadurch einstellt, erinnert an intensive Lektüren aus Jugendtagen: Man will die Romanwelt kaum verlassen und spricht mit den Figuren auch nach dem Ende der Lektüre noch ein bisschen weiter.

          Der Erfolg des Buchs war sowohl bei der Kritik als auch den Lesern enorm und hält mehr als zwei Jahre nach der Veröffentlichung immer noch an. Inzwischen ist die spanische Ausgabe von „Patria“ in einer Auflage von mehr als 800 000 Exemplaren verbreitet und in gut zwanzig Sprachen übersetzt worden. Der Text wirkt wie ein Brennspiegel, in dem viele Spanier ihre Gesellschaft erkennen, die Schärfe der politischen Auseinandersetzung nicht weniger als die Neigung zu Radikalismus und Rechthaberei. Auch der Katalonien-Konflikt hat die Menschen dafür sensibilisiert, dass es bei Fragen nach „Heimat“ und „Vaterland“ durchaus verschiedene Auffassungen geben kann – und dass dem Thema nur gerecht wird, wer sich vom allzu Prinzipiellen verabschiedet.

          Ein Klima von „guter“ Gewalt und „schlechter“ Gewalt

          Für den Autor sind das zentrale Thema die Basken selbst. Im Nachwort schildert Aramburu eindringlich, wie früh er den Terrorismus wahrgenommen und als gewöhnlichen Hintergrund des baskischen Lebens empfunden hat. Auf Partys warfen Jugendliche im kollektiven Taumel ihre Jacken in die Luft: eine Anspielung auf die Eta-Bombe, die 1973 in Madrid den als Franco-Nachfolger gehandelten Admiral Luis Carrero Blanco und seinen Dienstwagen zwanzig Meter hoch in die Luft schleuderte. Der Hass auf die Zentralregierung war allgemein, aber den jungen Fernando Aramburu beschlich schon damals ein ungutes Gefühl: Es konnte nicht richtig sein, so empfand er, den gewaltsamen Tod eines Menschen zu beklatschen.

          So wuchs der Autor in einem Klima von Konflikt und „bewaffnetem Widerstand“, von „guter“ Gewalt und „schlechter“ Gewalt auf, und das Thema, das ihn täglich umgab, formte seinen Blick auf die Welt. Es war eine Welt, in der Mord möglich war und politisch gerechtfertigt wurde, in der Pistoleros als Märtyrer verehrt wurden und der Gruppenzwang die Distanznahme fast unmöglich machte. Er selbst, als Jugendlicher in San Sebastián, einer Hochburg des baskischen Nationalismus, imprägnierte sich mit Literatur gegen das vorgeschriebene Einheitsdenken, las die Surrealisten und Camus. Sein Nachwort beschreibt die Position eines Moralisten, der den Roman nie zum Moralisieren benutzt, sondern allen seinen Figuren Gerechtigkeit widerfahren lässt. Möglich, dass Basken verschiedener politischer Überzeugungen hier einen einmaligen literarischen Referenzpunkt gefunden haben – das Buch, das ihnen hilft, die bleierne Zeit von fünfzig Jahren Terrorismus zu verstehen. „Ganz ehrlich“, schreibt Fernando Aramburu, „ich wäre froh gewesen, ein Buch wie ,Patria‘ nicht schreiben zu müssen; aber die Geschichte meines Geburtsortes ließ mir keine andere Wahl.“

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