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Ein Loblied auf Tegel : Fliegen und fliegen lassen

Wegfliegen oder Ankommen und sonst gar nichts: Der Flughafen Tegel ist einer der letzten seiner Art. Bild: picture alliance / ZB/euroluftbi

Heldenhaft und unaufgeregt fertigt der Flughafen Tegel Millionen von Fluggästen ab. Dass die Flieger in Spitzenzeiten im Minutentakt knapp über die Dächer Nordberlins donnern, wird kaum wahrgenommen.

          Auf der Website der Berliner Flughafengesellschaft - sie betreibt die Flughäfen Schönefeld und Tegel - gibt es eine Spalte mit diversen Links, darunter einer, der „Guter Nachbar“ heißt. Auf Klick öffnet sich ein liebliches Wiesenpanorama, darunter findet der „Nachbar“ allerlei Angebote, etwa Karten mit sogenannten Schallschutzgebieten, die allesamt im Süden und in Brandenburg liegen. Dazu umständliche Erklärungen, welche Gebäude im „Flughafenumfeld“ Anspruch auf besonderen Schutz vor Lärm haben und wo man seine Anträge abliefern muss, um das Reihenhäuschen in eine schalldichte Trutzburg verwandeln zu lassen. Oder den Kindergarten, die Schule, das Altenheim, das Krankenhaus.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Fremden wird es kaum auffallen, Südberlinern und Nachbarn aus der brandenburgischen Provinz sowieso nicht: Nirgendwo taucht unter „Gute Nachbarn“ der sogenannte Tegelanwohner auf, so als sei der ein Phantom.

          Doch sind das immerhin vierhunderttausend Menschen, das Hundertfache der Schönefeld-Nachbarn. Wer in Tegel landet, ist zuvor über Berlins dichtbesiedeltste Wohnviertel gedonnert. Man stelle sich vor, all diese Metropolenbewohner verlangten jetzt doch noch, was über vier Tegeljahrzehnte als unfein galt: mindestens eine Million Fenster schalldicht zu machen. Das würde den Flughafen, im Unterschied zu jenem auf dem Lande vor der Stadt, vermutlich unbezahlbar machen.

          Dass die Tegeler so etwas noch nie forderten, hat viele Gründe. Fast alle Berliner haben es mit irgendeiner Art von großstädtischem Dauerkrach zu tun, mit Bahnhöfen, kreischenden Straßenbahnen, Autobahnab- oder -zufahrten, mehrspurigen Straßen, irrwitzigen Baustellen, von trunken grölenden jungen Gästen ganz zu schweigen.

          Der Tegelanwohner als solches

          Würden alle ihre Wut darüber in Volksbegehren artikulieren, wäre Berlin bald ein stilles Dorf. Und trotz wohltuender Anonymität, die die Großstadt garantiert, weiß hier doch (fast) jeder, dass man den Lärm, der stört, nur auf Kosten anderer loswerden könnte.

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          Der Tegelanwohner als solcher ist darum eigentlich das, was man sich unter „guten Nachbarn“ eines Flughafens vorstellen sollte. Das Unbehagen, das sich ab und an doch Luft verschaffen muss, ist eher der Ignoranz geschuldet, mit der ganz selbstverständlich übersehen, nein überhört wird, was oft am Himmel zwischen Berlin-Spandau und Berlin-Pankow knapp über den Dächern los ist: Flieger im Minutentakt.

          Auch als im Frühsommer vergangenen Jahres über Nacht bekannt wurde, dass es noch ein bisschen dauern würde mit der unheimlichen, weil ungewohnten Stille am nördlichen Himmel von Berlin, gab es keinen Aufruhr unter Tegelanwohnern. Nicht einmal, als klar wurde, sie würden noch zwei Jahre oder gar noch länger mit Fluglärm leben. Was ohnehin niemanden interessierte. Denn eher schon sorgten sich die Brüsseler Verordnungshüter um das sensible und darum durch den künftigen Fluglärm des geplanten neuen Flughafens bedrohte Gehör von fünfundsiebzig Kranichen, die irgendwo in den Seen um Berlin-Schönefeld herum nisten sollen.

          Berliner hingegen sind belastbarer, krisenerprobt und daran gewöhnt, dass man sie für schmerzunempfindlich hält. Liest man ja allenthalben. Und damals, im Juni 2012, freuten sich hier sogar viele, nicht laut, eher klammheimlich, denn wir sollten uns, das war den meisten durchaus klar, über den neumodischen Schönefelder Airport freuen.

          Wegfliegen oder Ankommen - und sonst gar nichts

          Aber im Unterschied zu ihm ist Tegel ein geliebter Flughafen, und nicht nur, weil er einer der letzten seiner Art ist: Man fährt vor, steigt aus dem Bus oder dem Taxi, nimmt die Koffer, geht durch die Tür, schon ist man an einem der Check-in-Schalter, und wenig später geht es los.

          Keine unendlich langen, verschlungenen Irrwege, kein Konsumgetöse. Zugegeben, es war schon lange drangvoll eng, aber Tegel war ein Ort zum Wegfliegen oder Ankommen, unprätentiös, mühelos - und sonst gar nichts. Damit wird nun zwar später, aber irgendwann leider doch Schluss sein, und das ist ein Grund zu verhaltener Trauer.

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