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Ein Lehr- und Bethaus für Berlin : Lessings Ringparabel wird Architektur

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Jerusalem, Mekka, Berlin: In ihrem Lehr- und Bethaus am Berliner Petriplatz wollen die Architekten Kuehn Malvezzi die drei Städte und ihre Kultur vereinen Bild: Kuehn Malvezzi / Visualisierung: Davide Abbonacci

Der Petriplatz in Berlin-Mitte ist eine Einöde. Das soll mit dem Lehrhaus für Juden, Muslime und Christen anders werden - architektonisch und kulturell.

          Ist das ein Zeichen! Kolossale Kuben, massig und wuchtig, als habe der legendäre Louis Kahn sie aufgetürmt. Oder doch eher David Chipperfield? Seit er mit seinem kantig schlanken Galeriehaus am Kupfergraben bei der Museumsinsel und im gegenüber gelegenen, von ihm wieder aufgebauten Neuen Museum die karamellfarbene Schönheit preußischer Ziegel wiederentdeckt hat, schwärmt Berlin für dieses Material. Nicht zuletzt deshalb entschied sich nun wohl die Jury des Wettbewerbs zum künftigen Bet- und Lehrhaus am Petriplatz in Stadtmitte einstimmig für die ziegelverkleideten Großwürfel des Büros Kuehn Malvezzi.

          Chipperfields Ästhetik, Kahns Monumentalismus - das Areal braucht beides. Denn dort, wo einst der Kern des mittelalterlichen Cölln war, dessen letzten Rest die DDR 1964 mit der Ruine der Petrikirche sprengte, klafft derzeit, direkt im Zentrum Berlins, immer noch eine deprimierende asphaltierte Brache, umrandet von kahlen Plattenbauten, ordinärster Investorenarchitektur und brüllenden Verkehrsschneisen. Noch trübseliger wird die Szenerie durch die drei winzigen, aus ihrem Zusammenhang gerissenen Barockhäuser nahe der Gertraudenbrücke und das isolierte ehemalige Kaufhaus Hertzog von 1908; allesamt wie weggeduckt und immerzu frierend.

          Wie mit dem Skalpell geschnitten

          In diesem windigen Niemandsland braucht eine Architektur Kraft und Standvermögen, um sich zu behaupten und neue städtische Räume und Bezüge zu schaffen. Das wird dem Bau von Kuehn Malvezzi mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gelingen. Seinem Kubismus ist bei allem Gleichmut der Großform im Detail deutlich das Bemühen um Vielfalt anzusehen: Zentrum ist ein Vierkant von 44 Meter Höhe, dessen oberes Viertel in eine Art dekorloses Stabwerk aufgelöst ist. Hinter seinen „Sprossen“ ahnt man eine eingezogene Halbkugel-Kuppel. Die Plattform um sie herum soll als „Stadt-Loggia“ dienen.

          Dann kragt auf halber Höhe an einer Seite ein weiterer Kubus nach vorn. Auf der entgegengesetzten Seite entspricht ihm ein polygones Gebilde, dessen oberen Rand fünf Reihen dichtgedrängter kleiner Rechteckfenster perforieren. Sie sind, neben zwei halbrunden Seiteneingängen an beiden Enden des Bauwerks sowie einem wie mit dem Skalpell geschnittenen, hoch-schmalen Rechteckfenster an einer Längsfront und dem dramatisch in einen weiteren Kubus eingetieften, mit einer Treppe geschmückten Haupteingang an der zweiten Längsseite, die einzigen Öffnungen im Baukörper. Dem Eindruck einer Festung oder gar eines Bunkers beugt eine durchgehende Pfeilerarkade im Erdgeschoss längs der Gertraudenstraße vor. Ein gewisses Maß an Verschlossenheit ist allerdings auch Absicht: „Wir wollen ein sakrales Gebäude schaffen, das von außen wie ein Geheimnis wirkt“, erklärten die Architekten nach ihrem Sieg.

          Anbindung an Berlins Vergangenheit

          Wer dächte bei einem solch kompakten Bet- und Lehrhaus nicht an den alten evangelischen Choral „eine feste Burg ist unser Gott“? Doch das Bauwerk soll nicht nur Kirche, sondern auch Moschee und Synagoge werden. Darauf haben sich die Jüdische Gemeinde Berlin, das Abraham-Geiger-Kolleg Potsdam, das Forum für Interkulturellen Dialog und die Evangelische Kirchengemeinde St.-Petri-St.-Marien 2011 geeinigt.

          Ringform für drei: der lichte Lehrraum

          Dementsprechend haben Kuehn Malvezzi - berühmt auch als brillante Inszenatoren von Ausstellungsarchitekturen - im Inneren eine zentrale zweigeschossige Kuppelhalle als lichtdurchflutetes Foyer und gemeinsamen Lehrraum vorgesehen, auf den drei separate Sakralräume der drei Konfessionen münden. Wie außen verlassen sich die Architekten auch in diesen ornamentfreien, kristallinweiß verputzten Innenräumen auf die Magie der Urgeometrie - Kreis und Tonne, Fugenschnitt und Schrägen, Laibungen und Sockel, vor allem aber Lichteffekte schaffen eine feierlich andächtige und doch kühl konzentrierte Atmosphäre. Sie ist meilenweit entfernt von der Sentimentalität, die der gute Wille zu weltumarmender Ökumene sonst so oft stiftet.

          Mit dem Umriss der verlorenen Petrikirche, den einige in den Volumina sehen wollen, hat dieses Bauwerk nichts zu tun. Wer seine trikonfessionelle Bestimmung kennt, wird bei ihm wechselnd Anklänge an den Salomonischen Tempel, die ältesten Moscheen Bagdads oder auch die Wucht romanischer Kirchen assoziieren. Die Anbindung an Berlins Vergangenheit und an St. Petri wird ein „archäologisches Fenster“ im Boden des Neubaus gewährleisten, durch das man auf die unlängst ausgegrabenen, 750 Jahre alten Fundamente der Kirche schauen kann.

          Stoizismus und Markanz

          Die eigentliche Erscheinung des künftigen Bet- und Lehrhauses dagegen ist die einer internationalen zeitgenössischen Architektur, die, typisch für das immer nach Neuestem witternde Berlin, dem aktuellen Trend zum Kubismus der siebziger Jahre folgt. Sonderbar: Während in unseren Städten gerade die gigantesken Betonwürfel jener Ära als Verirrung der Spätmoderne abgerissen werden, planen junge, von den Glashäusern und den Retrobauten des vergangenen Jahrzehnts ermüdete Architekten neue Riesenkisten.

          Doch Berlins Petriplatz ist dieses Würfelspiel angemessen - an seinem Stoizismus wird das Verkehrsgetöse abgleiten, an seiner Markanz werden das städtische Bewusstsein und die Suche nach Identität Halt finden. Fehlt nur noch - Berlins Schwäche Nummer eins - ein Finanzierungsplan. Vielleicht hilft ja der Elan der drei Religionen, die hier, Lessings „Nathan der Weise“ zitierend, ohne Umwege aufeinander zugehen. Der Satz vom „gebauten Himmel mitten in Berlin“, mit dem der Trägerverein den Entwurf kommentierte, klingt freilich eher nach Wolkenkuckucksheim. Ab Samstag sind alle Entwürfe in der Berliner Parochialkirche zu sehen.

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