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Ein Land vor dem Verdursten : Nuckeldeutsche

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Sengende Hitze von oben, eiskaltes Mineralwasser aus der Flasche: Wird deren Öffnung nicht ganz bis zum Mund geführt, kann auch mal was daneben gehen Bild: dpa

Sie ist meistens aus Kunststoff gefertigt, manchmal noch aus Glas, und das unerkannte Sinnbild unserer Zeit: Wohin man auch blickt, die Deutschen hängen an der Flasche. Zur Kritik der neuesten Trink(un-)kultur.

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          Wenn Historiker aus der Generation unserer Urenkel (Wintersemester 2068/69) einst Exzellenz-Proseminare über „Die deutsche Gesellschaft am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Strukturen, Tendenzen, Zeichen der Merkel-Zeit“ besuchen, wird unter den diesbezüglichen semiotischen Dekonstruktionsreferatthemen „Die Raute“ auf der studentischen Beliebtheitsskala ziemlich unten rangieren, „Die Flasche“ aber sicher ganz oben. So wie die Pickelhaube für die wilhelminische oder die Swastika (vulgo: Hakenkreuz) für die nazistische wird einmal die Flasche für die Merkelsche Ära signetmäßig geradestehen müssen. Man sieht sie überall. Aber keinem noch ist ihr starker, zeittypisch bundesrepublikanischer Symbolcharakter so richtig aufgefallen. Kaum eine Straßenecke, kaum ein S-Bahn- oder ICE- oder Tram-Sitzplatz, kaum ein Arztwartezimmer, kaum ein Stehplatz in der Schlange vor der Kasse im Supermarkt, kaum ein Schleudersitz für Bewerbungsgespräche, kaum ein Rollator-Cockpit, kaum ein Kinderwagen, kaum eine Passage im öffentlichen und kaum ein Kuscheleckchen im privaten Raum, an dem sie nicht stets und ständig zu allen möglichen Mündern geführt würde. Quer durch alle Schichten.

          Der bloggende Prolo mit der glatzengestützten Punk-Bürste benützt sie ebenso wie der Topmanager, der schlucksüffelnd in den Hedgefonds-Abgrund hinabgrinst, in den er ganze Volkswirtschaften hineinschubst. Gefüllt sind die Flaschen meist mit Wasser, energiehaltigen Drinks, hie und da auch mit Apfelsaftschorle. Es scheint, dass die Deutschen dieser Anfangsjahrhunderttage eine Nation am Dauerverdursten sind. Ihr Erkennungsmal ist nicht das handschweißverschmierte iPhone, auf das sie irräugig dauerglotzen. Ihr Lebenszeichen ist die Flasche, die ihnen plastikweich in der Hand liegt, die sie aber gar nicht mehr als etwas Fremdes, der Anatomie Unzugehörendes wahrzunehmen scheinen. Als wäre die Flasche ihnen schon angewachsen. Denn offenbar stehen die Nuckeldeutschen, ausgetrocknet von der Last der Zeiten und Umstände, kurz vorm Dehydrieren. Unlängst in einem Berliner Theater, kurz bevor die Lichter erlöschen und die Türen schließen, ging der Türwächter, den man früher noch einen „Logenschließer“ nannte und der anscheinend noch aus einer älteren Zeit stammte, die Zuschauerreihen entlang und sammelte die allfälligen Flaschen ein. Er hatte zu schleppen. Der Abend wurde denn auch zur Katastrophe. Er ging an Trockenheit zugrunde.

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