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Ein Kultbuch kehrt zurück : Römische Blicke

Für Liebespaare: Rom-Blick in den Siebzigerjahren von der Spanischen Treppe in die Via Condotti. Bild: Getty Pictures

Gianfranco Calligarichs wunderbarer Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ von 1973 erscheint erstmals in deutscher Übersetzung – und liest sich wie neu.

          5 Min.

          Bücher haben manchmal merkwürdige Lebenszyklen. Sie schießen empor ins Licht, werden verkauft, gewürdigt, sind dann trotzdem vergriffen, zirkulieren abseits des Buchhandels, werden nicht nachgedruckt, doch ganz vergessen sind sie nie. Als Gianfranco Calligarichs erster Roman „L’ultima estate in città“ („Der letzte Sommer in der Stadt“) 1973 in Italien erschien, war der Autor Mitte zwanzig, hatte ein paar Kurzgeschichten veröffentlicht und als Journalist gearbeitet. Er war aus Mailand gekommen, hatte sich in Rom durchgeschlagen, wie Leo Gazzarra, der Ich-Erzähler des Romans, und hatte, im Gegensatz zu Leo, einen Roman geschrieben. Die einflussreiche Natalia Ginzburg las ihn und besorgte ihm einen Verlag.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Obwohl immerhin 17.000 Exemplare verkauft wurden und der Roman als „Kultbuch“ galt, kam es erst 2010 zu einer Neuauflage. 2016 brachte Bompiani das Buch dann zum dritten Mal heraus, was diesmal eine Schubwirkung auslöste: Die Rechte wurden in zwanzig Länder verkauft, auch nach Deutschland, wo es bislang keine Übersetzungen von Calligarichs Büchern gab. In Frankreich und den USA wird der Roman gefeiert.

          „Der letzte Sommer in der Stadt“ ist eine Hymne auf das Rom jener Jahre und zugleich ein Abgesang. Wäre es ein Film, sähe er sicher nicht aus wie ein Fellini aus jener Zeit, obwohl „La dolce vita“ von 1960 natürlich seinen unerbittlichen Schatten wirft. Niemand, der in Worten oder bewegten Bildern von römischen Intellektuellen, Prominenten, Bohemiens und großen Partys erzählt, entkommt ihm, bis heute nicht.

          Fellinis langer Schatten

          Aber Calligarich hat eine ganz eigene Stimme, man muss nur eine längere Passage zitieren, um auch im Deutschen sofort den Sound zu hören: „Wenn ihr die Stadt liebt, wird sie sich euch darbieten, wie ihr sie euch wünscht, ihr braucht euch nur den umspülenden Wellen der Gegenwart zu überlassen … Und da werden lichtdurchstochene Sommerabende für euch sein, beschwingte Frühlingsmorgen, Tischdecken in den Cafés wie im Wind flatternde Mädchenröcke, strenge Winter und endlose Herbste, in denen sie euch wehrlos und krank erscheinen wird, erschöpft und voller abgetrennter Blätter, auf denen eure Schritte keinen Lärm machen werden … So werdet auch ihr, während ihr wartet, mit jedem Tag mehr ein Teil von ihr werden. So werdet ihr die Stadt füttern. Bis ihr eines Tages mit der Nase im Wind, der vom Meer kommt, und mit einem Blick zum Himmel entdeckt, dass es nichts mehr zu erwarten gibt.“

          Das ist die Atmosphäre, das ist die Welt, in der Leo sich bewegt. Er hat einen Aushilfsjob beim „Corriere dello sport“, einen altersschwachen Alfa Romeo und viele Freunde, mit denen er an der Piazza Navona herumhängt – eine Bohème nach 1968, wo keiner mehr in den Trevi-Brunnen steigt wie Anita Ekberg und Marcello Mastroianni. Aber Leo fährt noch ans Meer, wie der Marcello in „La dolce vita“, und liest Bücher am Strand. Im Frühling, „ich erinnere mich sehr gut an den Regen dieses Tages“, lernt er bei einem Freund ­Arianna kennen, schön, ein wenig exzentrisch, fragil nach einem Klinikaufenthalt. Die Frau des Freundes will die beiden verkuppeln; Ariannas Schwester hält Leo für einen Loser.

          Croissants im Morgengrauen

          Leo und Arianna verlassen in der Nacht gemeinsam die Party, holen sich im Morgengrauen frische Croissants in einer Backstube, fahren raus nach Ostia. So fangen Liebesgeschichten an. Sie gehen weiter, geraten dann ins Stocken. Die beiden weichen einander aus, suchen einander, halten Abstand, verletzen einander vorsätzlich, weil das Schlimmste wäre, einfach auszusprechen, wie es ist.

          Der italienische Schriftsteller und Drehbuchautor Gianfranco Calligarich.
          Der italienische Schriftsteller und Drehbuchautor Gianfranco Calligarich. : Bild: Francesca Mantovani/opale.photo/

          „‚Hör mal‘, sagte ich, ‚ich glaube, ich liebe dich.‘ ‚Oh, bitte!‘, sagte sie. ‚Sag das nicht!‘ Genau in dem Moment passierte etwas, ein weicher Knall und ein weiches Rollen, während die überraschte Stimme einer Frau erklang und der Rest einer Plastiktasche voller Orangen über den Gehweg kullerte.“

          Calligarich hat ein fabelhaftes visuelles Gespür für solche kleinen Szenen, man sieht das sofort vor sich, als habe man es selbst an der Piazza del Popolo erlebt. Ein Strand in Ostia, über den sie in ihren roten Gummistiefeln läuft; die Treffen von Leo und Arianna an der Spanischen Treppe, wenn sie ihn von Ferne sieht und dann noch kunstvolle Umwege macht: „Schließlich stand sie vor mir und gab mir einen flüchtigen Kuss. ‚Okay‘, sagte sie, ‚glaub jetzt aber nicht, dass ich dich liebe, ja.‘“

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