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Ein Jahrhundertleben : Die Wahrheit über Sonja L.

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Am 1. September jährt sich ihr Geburtstag zum hundertsten Mal: Krystyna Žywulska (1914 bis 1992) Bild: Friedrich, Brigitte/SZ Photo/lai

Sie überlebte Auschwitz und verliebte sich in den Sohn des Vorzeigeregisseurs der Nationalsozialisten, Veit Harlan: Das unglaubliche Leben der polnischen Schriftstellerin Krystyna Žywulska, die heute hundert Jahre alt geworden wäre.

          Ob es allen anderen, die Krystyna Žywulska in den letzten Jahren ihres Lebens kannten, auch so geht? Ob sie bei dem Gedanken an diese Frau auch ein Bild vor sich sehen, das so unscharf wirkt, als würde man es durch eine Gardine aus zartem Musselin betrachten? Das helle, sorgfältig gepuderte Gesicht. Der verträumte Blick. Das sanfte, mal geheimnisvolle, mal kokette Lächeln. Die Art, den Kopf auf die Hand zu stützen. Die langen Pausen beim Sprechen. Das häufige Seufzen.

          Dabei war Krystyna Žywulska alles andere als eine schwache, auf die Zelebrierung der eigenen Weiblichkeit bedachte Frau. Im Gegenteil, sie hat im Laufe ihres Lebens oft genug bewiesen, wie mutig, wie entschlossen, ja wie rücksichtslos sie sein konnte. Als polnische Jüdin musste sie in Kriegszeiten Verfolgung, Hunger und Todesangst und nach dem Krieg antisemitische Repressalien über sich ergehen lassen, und sie überstand all dies fast ausschließlich dank ihrer ungewöhnlich starken Natur. Fast, denn da war noch etwas anderes an ihr, was bewirkte, dass die Stationen ihres Lebens wie die Kapitel eines Romans anmuten.

          Flucht aus dem Warschauer Getto

          In Wirklichkeit hieß sie Sonja Landau und kam am 1. September 1914 in einer jüdischen Familie in Lodz zur Welt. Als der Krieg ausbricht, flüchtet sie nach Lemberg, doch schon bald folgt sie ihrer Familie nach Warschau. Die nächsten drei Jahre verbringt sie im Getto - bis es ihr im Sommer 1942 gelingt, von dort auf höchst abenteuerliche Weise zu fliehen: Sie geht auf den am Eingang diensthabenden Wachmann zu und zeigt ihm einen Ausweis, der zur Benutzung der Pferdebahn berechtigt, als wäre es ein Passierschein. Sie hat ihre Mutter bei sich, die sie im Glauben lässt, der Wachmann sei von ihr bestochen worden. „,Bitte!‘, sage ich laut und gebe ihm die aufgeklappte Legitimation“, wird Krystyna Jahre später in ihrem autobiographischen Buch „Leeres Wasser“ erzählen. „Er kneift die Augen zusammen, blickt auf das Papier. Langsam hebt er den Kopf . . . Offensichtlich hat er einen Entschluss gefasst. Er nimmt das Gewehr von der Schulter. ,Los, ab!‘, sagt er kurz. Mit dem Gewehr zeigt er die Richtung: zur arischen Seite. Ich ziehe Mutter mit fort. Wir passieren das Tor.“

          Die Frage, warum der Mann nicht ge-schossen hat, wird sie noch lange verfolgen. Wirklich nur, weil er durch eine fremde Frau abgelenkt wurde, die plötzlich hinter ihm hysterisch zu schreien anfing? Oder steckte noch etwas anderes dahinter? Unmittelbar nach der bravourösen Flucht hat Krystyna allerdings nicht viel Zeit zum Nachdenken. Sie hat an deren Erfolg nicht wirklich geglaubt, geschweige denn einen Plan für die arische Seite gehabt. Nun aber ist sie da und muss sofort für sich und die Mutter Versteck und Papiere besorgen.

          Im Untergrund, dann im Lager

          Da fällt ihr auf einmal das letzte Telefonat mit ihrer Schwester ein, die sich schon seit längerer Zeit außerhalb des Gettos versteckt. Sie sagte, sie würde jeden Tag um eine bestimmte Zeit auf dem Wilson-Platz auf sie warten. Wie lange sie das tun wolle, hat sie nicht gesagt, und das Gespräch liegt schon viele Wochen zurück. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihr begegnen, ist also gleich null. Die beiden Frauen besteigen trotzdem eine Straßenbahn und fahren hin. Nach der Ankunft zeigt Krystyna auf ein Haus und erklärt der Mutter, sie wolle erst nachschauen, ob Freunde, mit denen sie dort verabredet seien, bei dem schönen Wetter auch wirklich auf sie warteten. „Ich gehe auf den Hauseingang zu“, so ihre Schilderung der Szene: „Plötzlich höre ich auf der Straße einen Schrei: ,Mama!‘ Ein Mädchen rennt in unsere Richtung. Meine Schwester.“ Sie hatte beschlossen, nur noch dieses eine Mal zu kommen, „ein letztes Mal, ohne jede Hoffnung“.

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