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Ein Jahr nach dem Erbeben : Von Stahlseilen und Schuttbergen

  • -Aktualisiert am

Ein Riss, der die Menschen in Mantua kaltlässt. Der Turm von Pisa, scherzen sie, stehe schließlich auch noch. Bild: Rainer Meyer

Ein Jahr nach dem Erdbeben in Italien sind die Aufräumarbeiten noch immer im Gang. Risse in den Fassaden gehören ebenso zum Alltag wie Absperrgitter.

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          Hoch über der Piazza Mantegna, an der wichtigsten Kreuzung der historischen Altstadt, erhebt sich in Mantua ein mittelalterlicher Wohnturm. Als das Erdbeben am 20. Mai 2012 nach vier Jahrhunderten Ruhe die vollkommen unvorbereitete Region traf, bildete sich in dem dicken Ziegelgemäuer ein breiter Riss vom Dach bis hinunter zu jener Stelle, an welcher der Turm in die Stadthäuser der Renaissance eingemauert ist. Würde er fallen, er würde nicht nur die umgebenden Häuser zertrümmern, sondern auch Schutt und Steine auf die wichtigsten Routen durch die Stadt schleudern. Also sperrte man rund um den bedrohten Turm die Lebensadern, legte das Zentrum lahm und blickte hinter den Absperrgittern verzagt hinauf zum Riss.

          Meine Kantine, eine hübsche Bar mit guter Küche, liegt dummerweise schräg gegenüber, aber als ich nach den ersten Stößen nach Mantua zurückkam, hatte man zumindest so weit wieder Vertrauen in den Turm gefasst, dass man zwischen den Gittern und Bändern passieren konnte. Und dann kam es so, wie es in Italien oft kommt: Hier wurde ein Gitter verrutscht, dort ein Absperrband beseitigt, dann wurde ein Zugang zum Haus daneben geöffnet, der sich schnell weitete, die Bank unterhalb des Turms wollte wieder Geschäfte machen und der Stoffhändler auch, und irgendwann standen dann hinter dem Hauskonglomerat nur noch ein paar Gitter ohne Betonfundamente herum. Eines Tages waren sie verschwunden. Was noch da ist, ist der Turm sowie der Riss. Kein Mensch macht darum heute noch einen Bogen, man hat sich daran gewöhnt. Der Riss ist fast so etwas wie eine Art Patina geworden, die so ein Turm gern haben darf. Und der schiefe Turm von Pisa ist schließlich auch noch nicht umgefallen, scherzt man in Mantua.

          Bewohner von Mantua schauen hinter einer Absperrung zu, wie die Arbeiten am Palazzo del Podesta vorangehen.

          Nur ein paar Meter weiter ist es mit dem Spaß vorbei, dort ist die Altstadt wieder großflächig gesperrt. Der Palazzo del Podestà muss wegen der Schäden komplett restauriert werden, und die kleinen Läden, die nach dem Beben unverdrossen mit Blumentöpfen an den Gittern so etwas wie Normalität im Chaos schaffen wollten, sind geschlossen. Geschlossen sind auch die Restaurants am Platz, der Durchgang zur Rückseite der Paläste, wo vor dem Erdbeben auf dem Wochenmarkt die gewagtesten High Heels verkauft wurden: Doch die Schäden müssen weg, deshalb sind hier auch die Absperrgitter wieder da, und dahinter schaut man hoch zum Kran und zum Palast und fragt sich, wann es endlich vorbei ist und das Markttreiben zurückkehrt.

          Palazzo Ducale ohne Laterne

          Noch immer hat die Kirche des Palazzo Ducale keine neue Laterne auf der Spitze des Glockenturms, noch immer klaffen dort Risse, und auch der kleine Balkon am Eingang zur Via Oreficio, der beim Erdbeben gebrochen ist, macht es mit Draht umwickelt wie die großen Denkmäler: Ein Jahr später stehen da noch immer die gleichen Eisenstangen und schützen provisorisch die schlendernden Menschen. Es geht etwas voran an den Rändern der Roten Zone der Schäden, besonders in den großen Städten wie Mantua und am anderen Ende der betroffenen Region, in Ferrara, wo man immerhin den berühmten Saal der Monate im Palazzo Schifanoia wieder besuchen kann, während die unteren Räume noch gesperrt sind und hinten im Garten die Trümmer einiger Bauteile herumliegen, natürlich, wie sich das gehört, abgesperrt von inzwischen leicht verblichenem weiß-rotem Band. Manche Arkade in der Innenstadt ist immer noch eingerüstet und mit Stangen gestützt, oben auf der Stadtburg der Este fehlen ein paar Spitzen, und vor der Renaissancefassade von San Paolo lungern hinter einem Gitter ein paar halbstarke Zierpyramiden herum und benehmen sich unauffällig, obwohl die Pilaster, auf denen sie standen, dem Erdbeben nicht standhielten. Man muss schon genau hinsehen, um im Trubel der Stadt die Schäden und die langfristigen Folgen zu erkennen. Aber Ferrara ist lebenslustig, unter den baufälligen Arkaden sind die Cafés voll, und auf dem Markt gibt es angesichts der politischen Probleme des Landes ökologisch korrekte Zwillen zu kaufen.

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