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Ein Jahr Konsumverzicht : Keine neuen Pumps, keine teure Ökotour

  • -Aktualisiert am

Wer konsumiert, gehört dazu Bild: dpa

Tagebuch einer Askese: Judith Levine hat ein Jahr lang nur das Nötigste gekauft. Plötzlich hatte die New Yorker Autorin überraschend viel Zeit zur Verfügung - und gewann einige Erkenntnisse. Von Nina Rehfeld.

          5 Min.

          Als sich Judith Levine vor drei Jahren im Weihnachtsstress durch die Straßenschluchten ihrer Heimatstadt schob, hatte sie eine Eingebung. „Während ich mich so umschaute“, sagt die New Yorker Journalistin und Autorin, „wurde mir schlagartig klar, dass in spätestens sechs Monaten die meisten dieser vielen elektronischen Spielzeuge, die vielen Pullover, die niemand tragen wollte, und die ganzen Spielzeuge, derer die Kinder bald überdrüssig wären, auf irgendeiner Müllhalde landen würden.“

          Überwältigt von einer plötzlichen Abscheu gegen den hemmungslosen Kaufrausch, der auch sie aufs Neue ergriffen hatte, fasste sie einen wagemutigen Entschluss: ein ganzes Jahr Konsumverzicht. Keine neuen Pumps, keine schicken Wohnungsaccessoires, kein elektronischer Krimskrams, aber auch kein Frühstück im Café oder Abendessen im Restaurant, kein Kino- oder Theaterbesuch. Nicht einmal einen Buchkauf gestattete sie sich. Und Geschenke mussten fortan selbst gebastelt werden. In einem Tagebuch hielt die fünfundfünfzig Jahre alte Autorin den Verlauf fest, und unter dem Titel „No Shopping“ ist es jetzt auch auf Deutsch zu haben - eine amüsante, aber auch informative Abhandlung über das Phänomen Konsum, das eben mehr ist als eine private Handlung.

          Offizielles Krisenheilmittel

          Gleich zu Beginn erinnert Judith Levine ihre Leser daran, dass Konsum in Amerika nicht nur als Selbstverständlichkeit, sondern als offizielles Krisenheilmittel betrachtet wird. „Galt Shopping in den Vereinigten Staaten schon seit langem als ein vergnügliches Hobby“, schreibt Levine, „so wurde es nach dem 11. September zur patriotischen Pflicht. ,Kauft einen Flachbildfernseher', befahl uns die Regierung, ,oder der Terrorismus hat gesiegt!'“

          Im Laufe ihrer zwölfmonatigen Weigerung, ihr Vaterland und dessen Einzelhandel zu unterstützen, taten sich für die Autorin überraschende Erkenntnisse auf. Eigentlich, sagt Judith Levine, habe sie sich immer für eine eher moderate Konsumentin gehalten. Doch kaum hatte sie sich das Einkaufengehen untersagt, stellte sie fest, wie sehr es ihr fehlte: „Ich gehe zwar samstags nicht in die Kaufhäuser, um mir die Zeit zu vertreiben“, sagt sie, „aber ich hänge doch von Konsumgütern ab - sie vertreiben meine Langeweile, sie machen Spaß, sie geben mir ein Gefühl der Befriedigung und helfen mir, meine Identität zu definieren.“

          Auch das Kulturleben gestrichen

          Für ihren Selbstversuch erklärte Judith Levine die Enthaltsamkeit zur obersten Priorität: Gekauft werden darf nur, was gebraucht wird, alles in der Kategorie „Begehren“ ist für zwölf Monate gestrichen - auch das Kulturleben. „Ich wollte mich komplett aus der Welt des Konsums zurückziehen“, begründet sie das, „auch aus dem kulturellen Marktplatz. Hier werden zwar keine Dinge gehandelt, aber doch Güter, die eine Identität zum Ausdruck bringen. Man kauft eine Ökotour in Costa Rica, eine Shiatsu-Massage, ein bestimmtes Buch - Identitätsstifter, mit denen man seine Weltanschauung, seine politische Zugehörigkeit, seinen Stand in der Welt signalisiert.“

          Erlaubt waren lediglich Besuche von Gratisveranstaltungen wie öffentliche Gedichtlesungen, die städtische Leihbücherei, Konzerte im Park. Ganz allein wagte sich Levine indes nicht in die Ödnis des Nichtkaufens: Sie trat das Experiment gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Paul an. „Da Einkaufen vor allem den Zweck zu haben scheint, uns über Ängste und Gefühle der Unzufriedenheit hinwegzuhelfen“, sagt die Autorin, „hilft es, jemanden dabeizuhaben, der einen dann von diesen Gefühlen ablenkt.“ Nebenbei eröffneten sich ihr dabei auch Erkenntnisse über die Unterschiede im Konsumverhalten von Männern und Frauen. Paul, sagt Judith Levine, war ihr sowohl Inspiration als auch Irritation „mit seiner Fähigkeit, sich des Konsums ohne große Schwierigkeiten zu enthalten“.

          Ein gewisser Druck

          Männer kauften zwar auch - vor allem Werkzeug, Autos und Waffen, wie Levine nicht ohne Ironie bemerkt. Doch Frauen seien die Hauptakteurinnen der Konsumgesellschaft, weil sie zum einen nach wie vor die Rolle der Heimgestalterin innehätten und zum anderen die Außendarstellung für Frauen eine wichtigere Rolle spiele als für Männer. „Ich erinnere mich noch, wie mich meine Mutter als Mädchen in die Welt des Einkaufens einführte. Ich lernte einzukaufen, es zu mögen und dass man das als Frau tut. Es herrscht da ein gewisser Druck.“

          Prompt begann Judith Levine schon bald nach Beginn ihres Experiments, sich orientierungslos und randständig zu fühlen. „Ich fand mich schäbig und hatte den Eindruck, nicht mehr dazuzugehören, weil ich weder Mode noch Bücher oder Filme konsumierte“, sagt Judith Levine. „Und ich fühlte mich einsam, weil ich diese Dinge normalerweise gemeinsam mit anderen tue.“

          Irwin aus der „Einfachheitsgruppe“

          Doch statt sich nur zu bemitleiden - was sie streckenweise mit amüsantem Sarkasmus tut -, versucht Levine als New Yorker Intellektuelle, ihre neue Situation zu definieren. Sie zitiert Platons Diskussion mit dessen Schüler Glaukon über das einfache Leben. Sie beschreibt die verschiedenen historischen Phasen des Konsums: Konsum zur Sicherheit, Konsum aus Spaß, Konsum als Selbstzweck. Sie nimmt beim Besuch einer Selbsthilfegruppe die antikonsumistische Bewegung unter die Lupe und findet dort Menschen, die sich ebenfalls innerhalb der Konsumgesellschaft definieren - nämlich als deren Verweigerer, die auf diese Weise eine eigene Konsumnische etabliert haben. Da berichtet ein Irwin aus der „Einfachheitsgruppe“ über seine Entrümpelungsbemühungen: „Ich bin losgegangen, um ein Buch übers Entrümpeln zu kaufen, und kam mit dreien zurück.“

          Judith Levine begreift „shoppen“ nicht als individuelle, sondern als soziale Handlung, mit Motiven und Auswirkungen, die über den Konsumenten hinausreichen. „Als Menschen schaffen wir Kultur, und zu Kultur gehört seit Urzeiten der Austausch von Gütern und Waren, über den wir zueinander in Beziehung treten“, erläutert sie: „Konsum hat einen emotionalen und sozialen Zweck, den man nicht außer Acht lassen kann.“

          Von der Konsumentin zur Bürgerin

          Beim Versuch, ihre Identität auf den präkonsumistischen Zustand zu reduzieren, widerfährt Judith Levine Erstaunliches: Sie wandelt sich von der Konsumentin zur Bürgerin. Da sie plötzlich überraschend viel Zeit hat, beginnt sie, sich politisch zu engagieren, und fühlt sich als Bürgerin ermächtigt: „Wir vergessen, wie viel Spaß es macht, sich mit anderen für etwas einzusetzen“, sagt sie. „Das Gefühl für den öffentlichen Raum, das Gefühl, dass Menschen sich zusammensetzen und etwas bewirken oder verändern können, nimmt immer mehr ab. Und wir haben alle immer weniger Zeit dafür, weil wir so sehr damit beschäftigt sind, all das viele Zeug anzuschaffen.“

          Weil Judith Levine öffentliche Parks und Bibliotheken benutzen muss, wird ihr bewusst, wie geschwächt der öffentliche Raum in der amerikanischen Gesellschaft in Wahrheit ist. Es gibt, so viel ist für die Autorin klar, ein direktes Verhältnis zwischen der Bereitschaft zum privaten Konsum und der Skepsis gegenüber Investitionen in öffentliche Güter wie etwa Steuern.

          Einmal wurde sie schwach

          Leichtgefallen ist Judith Levine ihre Abstinenz freilich nicht, trotz einiger Hochgefühle. Einmal während der zwölfmonatigen Fastenzeit wurde sie sogar schwach, als sie sich beim Warten auf ein Treffen mit Paul in eine Boutique verirrte: Sie konnte nicht widerstehen, eine grüne Jacquard-Hose zu kaufen, die ihr die Verkäuferin förmlich auf den Körper komplimentierte. Eine Versündigung? Nein, sagt Levine, sie halte Begehren nicht für eine Sünde, wie das die Antikonsumbewegung tue. Vielmehr habe sie die Verbindung zwischen der sehr persönlichen Handlung des Kaufens und dem globalen Problem des Überkonsums interessiert. „Wir können nicht weiterhin unseren Müll in den Fluss kippen und keinen Gedanken an den Nachbarn verschwenden, der flussabwärts wohnt.“

          Inzwischen geht Judith Levine wieder einkaufen, aber sie tut dies nicht mehr so leichtfertig wie früher. „Ich ertappe mich jetzt oft dabei“, sagt sie, „wie ich etwas anschaue und denke: Das tut's noch ein Weilchen.“

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