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Elif Shafak im Gespräch : Wenn die Ehre zum Kontrollinstrument wird

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„Damit das Patriarchat endet, muss sich auch das Verhalten der Frauen ändern“: Elif Shafak Bild: picture alliance / Riccardo De Luca

„Die Ehre wird zum Instrument der Kontrolle, vor allem der Frau“: In ihrem neuen Roman beschreibt die Autorin Elif Shafak die Beharrungskräfte des türkischen Patriarchats. Ein Interview.

          Ihr neuer Roman heißt „Ehre“. Was bedeutet für Frauen im Südosten der Türkei dieser Begriff?

          Leider bringt man das Wort „Ehre“ hier immer mit der Sexualität der Frau in Verbindung. Als gehöre der Körper der Frau nicht ihr allein, sondern der Familie, dem ganzen Clan. Die Türkei ist ein patriarchalisches Land. Hier ist es nicht leicht, eine Frau zu sein. Aber ich denke, dass es auch nicht leicht ist, ein Mann zu sein. Es herrscht großer Druck auf jungen Männern, sich wie „richtige“ Männer zu verhalten. Deshalb verurteile ich im Roman Pembes Sohn Iskender nicht, wenn ich über ihn schreibe. Ich versuche, ihn zu verstehen.

          Sie werten nicht, Sie beschreiben beklemmende Bilder. Wo liegt aber die Lösung?

          Ich glaube ganz fest daran, dass die türkischen Mütter bei der Vermittlung von Männlichkeit eine immens wichtige Rolle spielen. Sie sind es, die ihre Söhne privilegierter als ihre Töchter erziehen, sie wie Sultane oder Paschas behandeln. Damit das Patriarchat endet, muss sich auch das Verhalten dieser Frauen ändern.

          Die Familie Toprak im Roman ist nach England ausgewandert, aber immer noch zerrissen zwischen zwei Kulturen. Der Sohn schafft es nicht, den traditionellen Ehrbegriff abzulegen. Warum?

          Weil die Emigranten in geschlossenen Gemeinschaften leben, mit einer Kultur, die noch konservativer ist als in der Türkei. Sie sind noch nationalistischer, noch religiöser, noch mehr in sich gekehrt. Die türkische Gesellschaft verändert sich, hier aber verharren die Auswanderergemeinschaften in sich, weil sie ihre Identität bewahren wollen. In solchen Milieus nimmt der Druck auf die Individuen zu. Die Ehre wird dann zum Instrument der Kontrolle, vor allem der Frau.

          Als Ihr Buch in der Türkei erschien, warf man Ihnen vor, Sie hätten keine eindeutige Haltung gegenüber der Gewalt gegen Frauen. Trifft Sie das?

          Mein Buch vertritt eine sehr klare, politische Haltung. Aber in der Türkei glaubt man, dass ein Buch nicht gleichzeitig populär und intellektuell sein kann. Ich teile diese Einstellung nicht. Ich mag es nicht, wenn Menschen sich für modern und intellektuell halten, wenn sie dem Volk von oben herab begegnen. Ich sehe Literatur nicht losgelöst von Politik, aber ich bin keine Politikerin. Was mich zum Schreiben antreibt, ist meine Vorstellungskraft.

          Haben es Schriftstellerinnen in der Türkei schwerer, anerkannt zu werden?

          Es ist wirklich schwer. Man wird zuerst als Frau wahrgenommen, dann als Autorin. Bei Männern ist das umgekehrt. Der Ton in den Kritiken ist uns Frauen gegenüber erniedrigend und herablassend. Kürzlich stand in einem Artikel über mich die Überschrift: „Mal sehen, was unser Mädchen diesmal geschrieben hat“. Der Mann, der das schrieb, ist so alt wie ich, aber er glaubt, weil er ein Mann ist, darf er sich das herausnehmen. Gegen diese Ungleichbehandlung kämpfe ich.

          Dabei müssen Sie ständig aufpassen, keine Tabus zu verletzen.

          Worte wiegen schwer in der Türkei. Sie können einen schnell in Bedrängnis bringen. Deshalb ziehen viele Autoren Selbstzensur vor. Aufgrund eines Tweets oder eines Artikels können Sie sich rasch vor einem Gericht wiederfinden. Bei mir war es 2006 gleich ein ganzer Roman, der beanstandet wurde. Der Vorwurf: Beleidigung des Türkentums. Das war surreal. Den Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches hat die Regierung immer noch nicht abgeschafft. Deshalb schwebt die Angst, vor Gericht gezerrt zu werden, wie ein Damoklesschwert über jedem Autor und jedem Journalisten.

          Viele sorgen sich um die Demokratie in der Türkei. Korruptionsvorwürfe, mangelnde Meinungsfreiheit, Eingriffe in die Gewaltenteilung. Wie bewerten Sie das?

          Auch ich bin sehr besorgt. Die Politiker müssen eines verstehen: Demokratie ist nicht gleichzusetzen mit der Wahlurne. Sie stellt sich nicht automatisch ein, wenn die Auszählung der Stimmen eine Mehrheit ergibt. Wahre Demokratie bedeutet, eine pluralistische Gesellschaft mit konträren Meinungen, Pressefreiheit und Gewaltenteilung zuzulassen. Inzwischen sind wir in der Türkei zu einem zornigen Volk geworden. Die Menschen verstehen einander nicht mehr, sie hören sich nicht mehr zu. Sie begegnen sich so, als kämen sie von unterschiedlichen Planeten.

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