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Heinrich Böll : Mehr Erinnerung als Gegenwart

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Heinrich Böll im Jahre 1970 in Castrop-Rauxel Bild: dpa

Der Böll-Abend beim Bundespräsidenten offenbart womöglich den Schlüssel zur Frage, weshalb der Autor aus den Schulbüchern und Deutschstunden weitgehend verschwunden ist.

          Es war ein Heimatabend. Der Bundespräsident hatte eingeladen, im Berliner Schloss Bellevue den einhundertsten Geburtstag des Schriftstellers Heinrich Böll zu begehen, und alles drehte sich um den Rhein und das Rheinland. Um seine Leute, Waschküchen, Auen und Nebel, den Weinrhein bis Bonn und den Schnapsrhein ab Köln, die Insassen der damaligen Funkhäuser, wo einer Schweigen auf Tonbändern sammelte und ein anderer statt „Gott“ lieber „jenes höhere Wesen, das wir alle verehren“ sagte. Der rheinisch-katholische Antikapitalismus wurde angesprochen, die Barmherzigkeit und dass es außer Religion und Liebe keine anderen interessanten Themen für den Schriftsteller gab, dass er sich vorzugsweise die happy few mit Rolex-Uhren am Arm nicht als Personal von Dostojewskijs oder von anderen Romanen vorstellen konnte.

          Es war die Erinnerung an eine untergegangene Welt lokaler Nachkriegszeit, deren Beschreibung dennoch mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Seltsam allerdings auch hier, in den Lesungen wie in den Kommentaren: nur selten einmal ein Wort über die Romane, die Erzählweise des Autors, seine – er mag das Wort nicht gemocht haben – Ästhetik. Als bestünden seine Romane aus Figuren und nicht aus Sätzen, als bestünde sein Werk aus guten Gesinnungen und demonstrativen Taten, nicht aus Erzählungen. Womöglich liegt hier ein Schlüssel zur Frage, weshalb es aus den Schulbüchern und Deutschstunden, in denen es zwei, drei Jahrzehnte lang maßgeblich war, weitgehend verschwunden ist; weshalb Böll eine Erinnerung mehr als eine Gegenwart ist. Es wurde in Berlin die Zeitgenossenschaft aufgerufen, in der sich Böll mit seiner Grundhaltung zu älteren katholischen Intellektuellen wie George Bernanos, Gilbert Chesterton und Léon Bloy fühlte. Doch was für ein Abstand! Wie dynamisch, polemisch, ungezügelt und paradox formulierten diese Autoren, wie witzig und aggressiv traten sie der Moderne, dem freudlosen Konsum und dem unnützen Utilitarismus entgegen. Dass der friedfertige Böll unter ihnen ausgerechnet Léon Bloy am meisten schätzte, den hasserfüllten französischen Pamphletisten, der sich geistig von Hunger und Wut ernährte, wirkt nachträglich wie ein Lesefehler.

          Verliert sich am Rhein in der Gegend von Düren alles Extreme in beruhigten Seitenarmen? Mangelte es der deutschen Literatur in der Epoche Bölls an Wasserfällen, trunkenen Schiffen, maritimen Perspektiven auf weitere Fahrten? War diese Epoche im Schatten anderer Extreme auch ästhetisch und gedanklich nicht gewillt, viel zu riskieren? Im Schloss Bellevue ging die meiste Kraft von Fotografien aus jener Epoche aus, die den Abend begleiteten. Das vorherrschende Gefühl war das der Rührung – ästhetisch eines der unergiebigsten, menschlich eines der wichtigsten.

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