https://www.faz.net/-gqz-7ki3i

Ein Haus fürs Digitale : Umzeichnet Springer!

  • -Aktualisiert am

Alle drei Finalisten schlagen Bauten vor, die unverkennbar ihre Handschrift tragen. BIG, das (teilweise) die überkommene Berliner Blockrandbebauung aufgreift, will eine Art halbiertes Riesendreieck bauen, das seine offene Flanke den beiden vorhandenen Springer-Hochhäusern zuwendet. Schnittig und scharfkantig, zeigt der Gebäudekomplex filigrane, aufgestelzte Glas-Stahl-Strukturen über einem festen Sockel, der zum Springer-Altbestand hin einen grünen baumbestandenen Innenhof rahmt. Expressiv ist das Ganze, aber weder radikal noch zeichenhaft digital, sondern in seinen schwächeren Partien eine austauschbare James-Bond-Szenerie.

Architektonische Datenströme

Da geht OMA von Rem Koolhaas rüder vor. Der Neubau soll als Solitär entstehen, selbstbezogen, mit weitem Abstand zur alten Karreegrenze, ein oben und unten gestauchtes, grobförmiges Oktaeder, überzogen von einem flirrenden Geflecht aus metallenen Rhomben. An zwei gelängten Seiten treten gläserne Vierkante nach innen und außen vor. Ein gewohnt autistisches, faszinierend überwältigendes Gebilde hat OMA sich ausgedacht, das unverkennbar vom Computer lebt. Aber es scheint mehr dessen Geschöpf als dessen Wesensbild, erinnert eher an eine Animation, als dass es dem Digitalen dreidimensionale Gestalt verliehe.

Erinnert an eine Computer-Animation: Der Entwurf von OMA (Rem Koolhaas).

Es wundert wenig, dass der Entwurf Ole Scheerens, flüchtig betrachtet, an OMA erinnert. Doch wie schon beim Pekinger Televisionszentrum ist auch Scheerens Springerzentrale menschenfreundlicher, offener, nachgiebiger. Wie BIG, aber konsequenter, respektiert dieser Entwurf, ein zur Springer-Seite hin sich leicht verjüngender Kubus, die überkommene Blockrand-Struktur. Riesige, über Eck laufende Öffnungen geben Einblick in das Innenleben und die zentrale „Collaborative Cloud“. Die Riesenhalle soll zugleich Raum für und Symbol der Datenströme sein, die hier gebündelt und wieder verteilt werden. Als unbefangener Betrachter nimmt man zunächst ein lichtdurchflutetes, trotz gewaltiger Dimensionen einladendes wohnliches Großraumbüro wahr, dessen Symbolik, getreu der alten kunsthistorischen Faustregel „nur sieht, wer um sie weiß“. Doch genau darum, nämlich um passgenau neue Räume „für neue Arbeitsweisen in einem urbanen Umfeld“, verbunden mit „radikaler Ästhetik“ des Digitalen geht es dem Bauherren.

Ein europäisches Bauwerk

Noch eines zeichnet Ole Scheerens Entwurf vor denen seiner beiden Konkurrenten aus: Er hat sich gründlich mit der Geschichte des Standorts auseinandergesetzt. Man erinnert sich: In den sechziger Jahren war es eine Sensation, dass Axel Springer im verödeten alten Verlagsviertel der „Insel West-Berlin“ (und nicht in Hamburg) sein Verlagshochhaus direkt an der Mauer bauen ließ. Goldflirrend, der DDR eine Provokation unverblümten kapitalistischen Protzentums, dem Westen je nach politischem Lager ein Leuchtturm der Freiheit oder die Selbstvergottung eines rechtslastigen Massenblatts, wurde dieses Hochhaus zu einem Symbol der deutschen Teilung und der Versuche, sie zu überwinden.

Ole Scheerens Bau ordnet seine großen transparenten Öffnungen genau in den Sichtachsen der einstigen Blickbeziehungen zwischen Ost und West an, bewahrt sie und erinnert damit diskret an die Mauer und deren Überwindung. Als zusätzlichen Rückgriff auf Geschichte und Berliner Bautypologien hat der Architekt eine öffentliche Passage vorgesehen, die das Medienunternehmen öffnen und der Hermetik der digitalen Welt vorbeugen soll. Kurzum: Scheeren, Chinas „Herr der Türme“, hat für das digitale Zeitalter ein europäisches, ein Berliner Bauwerk entworfen, das der Zukunft zugewandt ist, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Von heute bis zum 22. Dezember steht es mit allen Entwürfen im Berliner Deutschen Architekturzentrum der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Weitere Themen

Nur posieren reicht nicht

TV-Kritik: Sommerinterviews : Nur posieren reicht nicht

Christian Lindner und Robert Habeck treten in ARD und ZDF gegeneinander an – ohne dabei den jeweils anderen zu erwähnen. Während der FDP-Chef auf eine desinteressierte Fragestellerin trifft, geriert sich der Grünen-Vorsitzende als Schlitzohr.

Topmeldungen

Des einen Freud’: Der Bund gibt viel Geld für Pensionen aus.

Beamte im Ruhestand : Die Pensionslasten steigen um 70 Milliarden Euro

Den Bund kommen die Gehälter und Beihilfen für seine Beamten im Ruhestand immer teurer zu stehen. Inzwischen rechnet er mit einem Betrag von deutlich mehr als 700 Milliarden Euro. Darunter leiden vor allem die Länder.
FDP-Chef Christian Lindner im ARD-Interview

TV-Kritik: Sommerinterviews : Nur posieren reicht nicht

Christian Lindner und Robert Habeck treten in ARD und ZDF gegeneinander an – ohne dabei den jeweils anderen zu erwähnen. Während der FDP-Chef auf eine desinteressierte Fragestellerin trifft, geriert sich der Grünen-Vorsitzende als Schlitzohr.
Gratulation vom Präsidenten: Emmanuel Macron (links) mit Julian Alaphilippe.

Hochspannung beim Radsport : Frankreich dreht bei der Tour am Rad

Was ist nur los bei dieser Tour de France? Alles, was sicher schien, ist ins Wanken geraten. Frankreich hat einen Mann im Gelben Trikot – und einen, der das wichtigste Radsport-Rennen der Welt gewinnen kann.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.