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Fotografie : Bilder, die uns den Kopf aus dem Sand ziehen

Gilles Peress vor der Installation mit seinen Fotografien im Kunsthaus Göttingen. Bild: Freddy Langer

Sagen Sie jetzt nichts: Ein Gespräch mit dem Fotografen und Weltengrübler Gilles Peress über die Gefahr, mit Bildern gewünschte Geschichten zu erzählen, statt die Wirklichkeit zu schildern.

          8 Min.

          Gilles Peress ist um Worte nicht verlegen. Aber er traut ihnen nicht. „Whatever you say, say nothing“ hat er auf seinem rechten Unterarm tätowiert. Und sein vermutlich berühmtestes, allemal aber berührendstes Buch heißt „The Silence“. Die Stille.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Gilles Peress ist Fotograf. Es liegt deshalb der Gedanke nahe, dass Bilder seine Sprache seien. Die Fotografie sein Medium des Erzählens. Und weil er Mitglied bei Magnum ist, der bekanntesten Fotoagentur der Welt, über Jahre hinweg sogar deren Präsident gewesen ist, drängt sich vorschnell der Begriff Fotojournalismus auf. Doch damit, sagt Peress, habe er nichts zu tun: Er sei kein Fotoreporter. Obwohl er ein Leben lang an den Brandherden der Welt gearbeitet hat. Ebenso wenig allerdings, fügt er im selben Atemzug hinzu, verstehe er sich als Fotokünstler oder Kunstfotograf. Obwohl er mit seinen Arbeiten ganze Säle in den großen Museen der Welt bestückt hat. „Labels“, also Etiketten, seien ein Problem, sagt er, mehr noch: Sie seien eine Falle. Denn sie machten das Ergebnis eines Auftrags erwartbar und, schlimmer, den Fotografen berechenbar. Wie, fragt er, könne er mit offenem Blick unterwegs sein, wenn die Auftraggeber, aber auch er, die Bilder, die erwartet würden, längst in den Köpfen hätten, noch bevor sie in der Wirklichkeit überhaupt existierten. Für Kollegen, die ihren wiedererkennbaren Stil gefunden haben, bis an die Grenze zur Masche, greift er zur Vokabel „virtuos“. Wie er es sagt, klingt es nicht nach einem Kompliment.

          Das muss man erst einmal aushalten

          Er sei seinen Auftraggebern nichts schuldig, habe ihn Henri Cartier-Bresson gelehrt, einer der Großen der Fotografiegeschichte und eines der Gründungsmitglieder der Fotografenagentur Magnum, außer, den Abgabetermin einzuhalten. Mit dieser Maxime sei er gut gefahren. Bis er eines Tages beschloss, auch auf Aufträge ganz zu verzichten. Das war an der Wende vom Jahr 1979 zum Jahr 1980, als er fünf Wochen lang in Iran fotografierte, zu der Zeit, als in Teheran die amerikanische Botschaft besetzt war und ihn von Magnum ein Telex erreichte mit der lapidaren Nachricht, das Magazin „Life“ habe kein Interesse mehr an seinen Bildern. Die „hot news“, die heißen Nachrichten, kämen jetzt aus Afghanistan. Der Gedanke, stets nur medientauglicher Aktualität hinterherzureisen, war für ihn ein Grauen.

          Wir sitzen in Göttingen, an einem langen Tisch, auf dem die Bücher von Gilles Peress ausgebreitet liegen, und reden. Wir reden über das Grauen. Dafür ist Gilles Peress Fachmann. Hier Verletzte, Tote und Massengräber in Bosnien, Srebrenica und Vukovar, dort Flüchtlingsströme in Ruanda, Tansania und Zaire. Es ist einerlei, welchen seiner Fotobände man aufschlägt, und egal, an welcher Stelle: Immer sieht man Greuel und Bestialität, Misshandlungen und Leid. Seite für Seite. Bild für Bild. Für „The Silence“ über das Gemetzel zwischen Hutu und Tutsi und den Armeen Ruandas hat er als Kapitelüberschriften „Die Sünde“, „Fegefeuer“ und „Das Gericht“ gewählt. Auf den letzten Bildern sieht man, wie mit Schaufelbaggern Berge von Leichen in Gruben gekippt werden. „Es ist ein trauriges Buch“, sagt er über den kleinen Band. Dabei trifft die Bemerkung auf all seine Bücher zu. Und er, der sonst unentwegt mit den Händen gestikuliert, bisweilen kaum zu wissen scheint, wohin damit, und der sich im Reden unentwegt selbst unterbricht, um noch präziser zu formulieren, was er meint, wird plötzlich ganz still, schiebt die Hände ineinander und schaut weg, zur Seite, irgendwohin, als müsse er eine Erinnerung vertreiben. Es habe Monate gedauert, bevor er den Geruch der Hunderttausenden von Toten losgeworden sei, sagt er dann. Wie zu sich selbst. Und es habe die große Ausstellung im Museum of Modern Art in New York gebraucht, um nicht länger von den Eindrücken beherrscht zu werden.

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