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Malen in der Pandemie : Stille Tage in New York

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Stilles East Village – eines der Gemälde, die Liu Xiaodong während seiner Zeit in New York malte Bild: Courtesy Liu Xiaodong

Ein Gespräch mit dem chinesischen Maler Liu Xiaodong über seine Bilder, die in Amerika während der Pandemie entstanden sind, über Regulierung, Freiheit und Flüchtlingslager in Mexiko.

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          Sie haben lange in Amerika gearbeitet und saßen wegen der Pandemie in New York fest. Wie war es, in New York eingeschlossen zu sein? Hatten Sie als Chinese in New York keine Probleme?

          Ich hörte in den Nachrichten von den Beschimpfungen und Attacken auf Chinesen. Ich persönlich habe keine antichinesischen Ressentiments erfahren. Nur einmal, während des ersten Ausbruchs der Pandemie, passierte es, dass ein Auto, während ich die Straße hinunterging, plötzlich an mir vorbeiraste und ich von Kopf bis Fuß völlig durchnässt war. Ich war beschämt, und mein erster Gedanke war, ob ich versehentlich auf die Straße getreten bin. Aber ich bewegte mich auf dem Bürgersteig, immer noch einen Meter vom Bordstein entfernt, so dass ich den Verdacht hatte, es war Absicht, hoffentlich nur ein Jugendlicher, der sich zum Spaß einen Streich erlaubt hat.

          Vor Ihrer Ankunft in New York waren Sie in Eagle Pass, Ciudad de Juarez und anderswo entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze unterwegs. Sie malen wie klassische Maler draußen, unmittelbar vor dem Motiv. Was ist für Sie die Beziehung zwischen Sehen und Malen?

          Ich halte mich so unmittelbar wie möglich an die Wirklichkeit, weshalb ich in jungen Jahren auch eine starke Nähe zu dem neorealistischen Avantgardefilm in China hatte. Die Realität, die ich mit meinen Augen erfasse, sagt mir, wie ich etwas malen soll, wann ich den Pinsel aus der Hand lege und das Bild fertig ist. Der ständige Kontakt mit Dingen und Menschen ermöglicht es mir, eine Grenze zu setzen, ohne die es keine Freiheit in meiner Malerei gibt. In Begleitung von Alice Driver, einer unabhängigen Reporterin, die sich, seit vier Jahren in Mexiko, auf das Schreiben über Migranten spezialisiert hat, fuhren wir mit dem Auto entlang der Grenze, ohne zu ahnen, was uns erwartet. Auf dieser Reise bekam ich einen Einblick in das tägliche Leben der Menschen auf beiden Seiten der Grenze, von Bürgern, Mi­granten und Polizisten. Die Grenze besteht manchmal aus der neu errichteten Mauer, manchmal ist es der Fluss. Ich wollte mehr über die Beziehung zwischen Regulierung und Freiheit, zwischen Grenzen und Freizügigkeit erfahren und aufzeichnen. Unterwegs fragte ich mich, ob die territorialen Grenzen nicht ein bisschen wie die psychologischen sind, die Menschen trennen.

          Sie haben oft Minderheiten gemalt – Wanderarbeiter, Außenseiter, aber auch reiche Frauen aus China, die, in Jakarta lebend, dort eine Minderheit bilden. Welche Erfahrungen machten Sie auf Ihrer Reise?

          In Mexiko besuchten wir drei Flüchtlingslager und zwei Familien. In Ciudad de Juarez, der am südlichen Ufer des Rio Grande gelegenen mexikanischen Schwesterstadt des texanischen El Paso, machte mich Alice mit einem alten Dokumentarfotografen bekannt. Er brachte uns zur Grenze, die wir nach einem Fußmarsch erreichten. Auf den Straßen gab es viele kleine Wechselstuben. Die Grenze ist ein Kanal mit wenig Wasser, um uns herum keine Menschenseele, nur Wasservögel, die aus dem Kanal tranken. Auf der anderen Seite der neu errichteten Stahlmauer liegt Amerika. Nachmittags suchten wir ein Migrantenlager auf, das dem sehr ähnelte, das ich in Mailand gesehen hatte, ein großer Hof mit bewachtem Tor.

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