https://www.faz.net/-gqz-7zie4

Ein Franzose in Deutschland : Der Widerstand beginnt im Wartezimmer

Ausnahmsweise ohne sein stilbildendes Mikrofon: Reporter Alfons alias Emmanuel Peterfalvi. Bild: babiradpicture - abp

Er ist der Deutschen liebster Franzose: Alfons, der Reporter mit dem Puschelmikrofon. Er gibt sich so arglos, dass er den Menschen finsterste Wahrheiten entlockt. Was denkt so einer bloß über uns?

          5 Min.

          Als die Nachricht vom Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ über die Sender ging, fuhr Emmanuel Peterfalvi zum Flughafen und setzte sich in die nächste Maschine nach Paris. Er habe sofort gewusst, dass es sich um ein Attentat handelt, das an die Substanz geht. Da sei das Gefühl gewesen, aufzustehen und zu seinen Freunden nach Paris zu müssen. Solidarität zu zeigen mit einer Zeitschrift, die ihn seit Jugendtagen an begleitet hat. Und ja: „,Charlie Hebdo‘ ging oft sehr weit, für viele zu weit – aber das gehört dazu.“ Deswegen sei ein Großteil der Bevölkerung aufgestanden, um diese Werte zu verteidigen, auch Menschen, die das Satireblatt nicht lesen oder nicht mit ihm einverstanden sind.

          Hannes Hintermeier
          (hhm), Feuilleton

          Peterfalvi weiß um die Probleme der Segregation in den Banlieues, die Missachtung der Probleme durch die politischen Eliten, die ungelöste, langanhaltende Schwächeperiode der französischen Wirtschaft, die Unversöhnlichkeit der Parteien, die Einfallslosigkeit gegenüber dem Front National. Er hält das Versagen der Politik in der Frage der Integration für „eine absolute Schande: Wenn der fünfzehnjährige Sohn mehr mit Drogenhandel verdient als der Vater jemals, dann macht das die Familien kaputt.“

          Nach den Attentaten ist es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, als wäre ihm der Spaß an seiner Art von Vermittlungsarbeit – jedenfalls vorübergehend – abhandengekommen. Dabei kann er als Alfons zwischen den Welten vermitteln wie wenige andere. Man sollte sich nicht täuschen lassen von seiner Rolle als Reporter mit dem Puschelmikrofon. Auch wenn nicht ganz ausgemacht ist, in welche Schublade er mit dieser Rolle gehört. Im Zweifel sagt man heute „Comedian“, aber das trifft nur einen Teil der Figur und ihres Erfinders. Mittlerweile geht Peterfalvi nicht nur in der ARD mit „Puschel TV“ auf Sendung, sondern auch mit diversen Soloprogrammen auf die Bühne. Die Theater wüssten oft nicht: Ist das Theater, Kabarett oder Comedy?

          In Frankreich ist es normal, ein Rebell zu sein

          Sagen wir so: Zunächst ist Alfons ein Fragensteller. Seine Geschäftsidee scheint simpel: Er stellt sich dümmer, als er ist. Mit einem dicken Bündel von zerfledderten Blättern, von dem er mühsam Fragen an Passanten abliest. Etwa in der Art: „Wer ist fauler – Arbeitslose oder Ausländer?“ Diese Kulturtechnik – nicht alles wirklich ernst zu nehmen – hat er aus Frankreich mitgebracht. Dort sei es normal, ein Rebell zu sein. Man könne das gut an den Kommentaren im Internet ablesen, die durch die Bank witziger seien als in deutschen Medien. Die kennt Peterfalvi – sein Familienname verweist auf ungarische Vorfahren – nach 23 freiwilligen Exiljahren in Hamburg genau.

          1967 in Paris geboren, hat Peterfalvi Kommunikationstechnologie in Florida und Kalifornien studiert und dann einen MBA draufgesattelt. Mit Hilfe eines „juristischen Winkelzugs“ hat er an Stelle des Ersatzdienstes ein sechzehn Monate währendes Praktikum in Deutschland angetreten, beim Bezahlsender Premiere. Dort habe er als „Franzose für alles“ den Franzosen für alle entdeckt: Er erfand den Mann mit der orangefarbenen Trainingsjacke aus DDR-Beständen mit dem strähnigen, schütteren Haar und dem schleppenden Akzent, den er im richtigen Leben nicht kultiviert. Bei Auftritten klingt das, als radebreche ein französischer Cousin von Rudi Carrell.

          Sein Arbeitsgerät ist neben dem Stapel Zettel ein Mikrofon mit einem Fellwindschutz, vulgo: Puschel. Damit fängt er ein, was Besucher eines Hamburger Wochenmarktes so sagen, oder er steht vor dem Kanzleramt oder in irgendwelchen heruntergekommenen Fußgängerzonen im Ruhrgebiet. Er ist ein Zitatensammler, ein Wahrheitshervorlocker, der Volkes Stimme ablauscht, ohne die Leute vorzuführen. Das erledigen diese höchstens selbst, aber das ist nicht das Ziel von Alfons, der bis zu zehn Stunden dreht, um drei Minuten Sendezeit zu füllen. Weil er in seiner zur Schau getragenen Schlichtheit etwas zutiefst Menschenfreundliches ausstrahlt, kann man der Figur nicht böse sein. Jedenfalls die Deutschen sind ihm nicht gram; in Frankreich, so erzählt er bei einem Treffen am Rand seiner „Mein Deutschland“-Tour, würde er mit seiner Fragetechnik auf erheblichen Widerstand stoßen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf dem Bau gibt es „Bauflation“: Vieles wird teurer.

          Hohe Preissteigerungen : Bauen wird deutlich teuer

          Wer in sein Haus investiert, bekommt es zu spüren: Viele Materialien steigen kräftig im Preis – vor allem Holz, Metalle und Kunststoffe.
          Nach links, ok, und dann? Olaf Scholz im April.

          SPD-Kanzlerkandidat : Scholz gewinnt nicht – wirklich?

          Die SPD hat einen Plan, aber einen schwachen Kandidaten. Olaf Scholz kämpft gegen schlechte Umfragewerte und die eigene Partei. Hat er auch nur irgendeine Chance gegen Annalena Baerbock?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.