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Ein Echtzeit-Experiment : Der Mensch wird zum Datensatz

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Wundern Sie sich, warum Sie dauernd Steuerprüfungen haben, ihre Karriere stockt, oder warum Sie sonderbare Hausbesuche bekommen? Algorithmen sind die Antwort, erklärt Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs.

          Wenn es ein Phänomen wie das absolute Böse überhaupt gibt, dann besteht es darin, einen Menschen wie ein Ding zu behandeln“, schrieb John Brunner in seinem prophetischen Werk „Der Schockwellenreiter“. Das war 1975. Fünf Jahre später war „Rasterfahndung“ das Wort des Jahres. Richtig funktioniert hat Horst Herolds Vision der staatlichen Digitalbegleitung „von der Wiege bis zur Bahre“ nie - bisher jedenfalls. Die Algorithmen waren zu schlecht, die Prozessoren zu langsam, die Datenbasis zu dünn, der Widerstand zu groß, das Verfassungsgericht auf der Hut.

          Seit einigen Jahren hat sich die Lage grundlegend geändert, auch außerhalb der Computerkatakomben des BKA. Es gibt jetzt genügend digital erfasste Lebensäußerungen, Kommunikation, Bilder, Mobiltelefon-Bewegungsinformationen, Einkaufsentscheidungen, täglich werden es mehr. Getrieben vom reichlich verfügbaren Datendünger, sprießen die mathematischen und statistischen Methoden zur Auflösung der Persönlichkeit in klassifizierbare Einzelaspekte zu ungeahnter Güte.

          Immer mehr Facetten des Lebens finden online oder von Computern erfasst statt, werden zugänglich und gespeichert. Dank drastischer Verbilligung von Speicher- und Verarbeitungskapazitäten werden Algorithmen praktikabel, die in großen Datenmengen von Millionen Nutzern noch die entlegensten Zusammenhänge aufspüren können: Death-Metal-Fans über fünfunddreißig Jahren, die sich für Spanien-Reiseführer interessieren, bestellen überdurchschnittlich oft Babywindeln und Schnuller online.

          Das einzigartige Menschenwesen

          Aus der Sicht solcher Typisierungsalgorithmen sind wir in unserer Individualität nur ein statistisch mehr oder weniger häufiges Bündel von Merkmalen und Eigenschaften, das sich in Handlungen und Äußerungen materialisiert. Je mehr Daten es über uns alle gibt, desto klarer wird der digitale Schattenriss des Einzelnen. Moderne Algorithmen funktionieren umso besser, je mehr Basisdaten sie bekommen. Wenn mehr Exemplare eines spezifischen Verhaltensmusters im Datenbestand sind, dann lässt es sich genauer charakterisieren und quantifizieren.

          Je spezieller die Frage - etwa ob jemand mit seiner Arbeitssituation unzufrieden ist und bald kündigen wird -, desto präziser lassen sich die dazugehörigen Datenpunkte benennen. Potentielle Jobsuchende benutzen spezifische Wörter, besuchen bestimmte Websites, kaufen Ratgeberbücher, sind öfter krank. Die Muster sind nicht scharf umrissen, es sind eher statistische Häufungen. Aus den Daten über Zehntausende Unzufriedene lässt sich problemlos ein Orakel-Algorithmus erstellen, der für eine Person die Kündigungswahrscheinlichkeit berechnet. Google macht es für seine Mitarbeiter schon.

          Wir werden abgebildet als eine Kombination von kleinen Merkmalsschubladen, die zusammengenommen etwa so viel mit unserem wirklichen Wesen zu tun haben wie eine Landkarte mit der Landschaft. Diese Persönlichkeitslandkarten sind mal schärfer, mal unschärfer, mal zeigen sie nur grobe Umrisse von Interessen, oft sind sie erschreckend präzise und genau. Wie eine Landkarte können sie aber immer nur quantifizierbare, benennbare Eigenschaften aufzeigen. Hier gibt es eine Straße, einen Fluss, ein Dorf. Dass es dort wunderschön ist, zeigt die Landkarte nicht. Genauso wenig wird hinter dem schubladisierten Persönlichkeitsabbild das einzigartige Menschenwesen sichtbar.

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