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Edo Reents (edo.)

Ein Dienst für Europa : Europäisches Rad

  • -Aktualisiert am

An großen europäischen Problemen und Fragen besteht kein Mangel. Jetzt soll ein freiwilliges Jahr für jeden Bürger her. Ist das wirklich eine Antwort?

          1 Min.

          Nun singet und seid froh! „Politiker, Künstler und Intellektuelle fordern die breite Beteiligung der Bürger - und schlagen ein Freiwilliges Europäisches Jahr für alle vor“. So steht es jetzt in der „Zeit“ und anderswo. Vielleicht können der Soziologe Ulrich Beck und der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit, die sich dieses Manifest „als eine Antwort auf die Euro-Krise“ ausgedacht haben, das Ruder noch herumreißen und dem alten, in letzter Zeit ja nicht gerade leicht gehenden europäischen Rad einen deutlichen Ruck nach vorn verpassen.

          Ein „Freiwilliges Europäisches Jahr für alle“ also: Hinter der Großschreibung steckt eine gewisse Großzügigkeit des Denkens, der Anspruch, keine halben Sachen machen zu wollen. Wem noch ein gewisser (natürlich absolut ziviler!) Untertanengeist in den Knochen steckt, der wird hier vielleicht das „soziale“ im freiwilligen Jahr vermissen.

          Wer wird angesprochen?

          Die Initiatoren und sehr vielen Unterzeichner - die üblichen Verdächtigen und Unverdächtigen: von Herta Müller und Senta Berger über Jürgen Habermas bis hin zu Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker - werden es mit Bedacht weggelassen haben, denn das hätte sonst zu sehr nach Knochenarbeit, also Hinternabwischen und so etwas, und zu wenig nach Kreativität geklungen.

          Die Frage ist nur, was die mit bemühtem Stabreim namentlich angesprochenen „Taxifahrer und Theologen, Angestellten, Arbeiter und Arbeitslosen, Lehrer und Lehrlinge, Künstler und Köche, Richter und Rentner, Frauen und Männer“ denn überhaupt machen sollen. Sie gehen, steht da, „in andere Länder und werden transnational in Problemfeldern aktiv, für die Nationalstaaten keine Lösung mehr bieten - so zum Beispiel bei Klimawandel und Umweltzerstörung, Flüchtlingsströmen, Rassismus und Rechtsradikalismus“. Dass in diesen Bereichen etwas verbessert werden kann, ist nicht zu bestreiten.

          Mehr Realitätssinn hätte das Manifest aber bewiesen, wenn es, statt auf die plumpe Logik des Ärmelaufkrempelns und das Mitmachen und vor allem Geld der allgemeinen „Wirtschaft“ zu setzen, unter den Tätigkeitsfeldern auch gewisse Banken aufgeführt hätte, die ja nur darauf warten, all diese willigen, wenn auch naturgemäß ungelernten Kräfte für ein Jahr zu beschäftigen. Europa, so meinen die Unterzeichner, drücke sich auch „in der Ironie, im Lachen Europas über sich selbst“ aus. Nichts gegen Selbstironie, aber ein kleiner Lacher auf Kosten der anderen wird ja wohl auch in diesem nun bald so vage tatkräftigen Europa noch erlaubt sein.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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