https://www.faz.net/-gqz-6ydqb

Ein Autorenleben auf der Bühne : Ansage mir Kempowski

War das nicht eben noch meine Brille? Im Theaterstück „Walter“ in Bielefeld werden Rollen und Requisiten auch mal getauscht Bild: Theater Bielefeld

Schnelldurchlauf in Bielefeld: Kempowskis Biographie wird uraufgeführt. Wer nicht viel über den Schriftsteller weiß, dem werden einschlägige Stellen geboten. Und wer ihn schon kennt? Erfährt nichts Neues.

          3 Min.

          Am Anfang die fünf Schauspieler, zwei Damen, drei Herren, die - wie auf den einschlägigen Fotos - schwarze Lederjacken und graue Hosen (eine einen Rock) tragen, haben sich gegenseitig auf die Bühne geschubst. Einer hält ein leeres Buch hoch, „blanko“, wie es sich Walter Kempowski von seinem Verleger habe herstellen lassen, um Tagebuch führen zu können, und reicht es - „denn wir wollen die Fackel weitertragen“ - ins Parkett: Jeder Zuschauer im Bielefelder Theater am Alten Markt möge sich doch bitte eine Seite herausreißen, etwas zu Papier bringen und es - „Ist der gerade da?“ - an den Dramaturgen schicken. Mitschreibetheater sozusagen, die Rezension als Abonnentensport, das ist neu. Aber was (und ob etwas) dabei herauskommt, liegt jenseits der Aufführung.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Nach Hitler und Artaud, Harald Schmidt, Joschka Fischer und zuletzt Niklas Luhmann bringt der Dramatiker Tom Peuckert als Auftragsarbeit für das Bielefelder Haus den Autor von „Tadellöser&Wolff“ auf die Bühne: „Walter - eine Geschichte für sich“ nennt er seine szenische Recherche, die schon im Titel den Außenseiter ankündigt. Doch warum steht da nur der Vorname? Kommt das Theater ihm so nahe? Auch wenn es sich persönlich gibt, bleibt es an der Oberfläche: Die Biographie der Ausnahmegestalt wird auf Normalfilmlänge gebracht, ein Autorenleben (1929 bis 2007) in Stichworten, Kurzszenen, Rückblenden, Episoden.

          Keine Einfühlung, kein Realismus

          „Als Schriftsteller braucht man eine Menge Kram“, gibt sich der erste Satz programmatisch. Auf der Bühne von Katja Wetzel aber stehen, von links nach rechts, nur ein Grammophon, ein Hocker mit Wasserflasche und kleinem Stadtmodell aus Papier, eine Schreibmaschine mit eingespanntem Blatt und ein Klavier. Erinnerungsstücke, Erinnerungsträger, Erinnerungsauslöser: Erste Lektüreerfahrungen werden aufgerufen, Fundstücke, die zu Erzählpartikeln wurden, erst danach wird die Familie vorgestellt.

          Fünf Darsteller: Walter, der jüngste Sohn, Vater Karl, genannt Körling, Schiffsmakler in Rostock, die Mutter „aus einem alten Hugenottengeschlecht“, Bruder Robert und Schwester Ulla. Norman Grüß bringt - die Frisur, die Brille - eine gewisse Ähnlichkeit mit Walter Kempowski mit. Aber keine Einfühlung, kein Realismus. Die Rollen werden auch mal getauscht wie die Jacken, Brillen oder angeklebten Oberlippenbärte, Nebenfiguren werden übernommen, Lebensstationen und Romanzitate verschränkt. Fünf Personen buchen einen Autor.

          Man erfährt keine Geheimnisse

          Alles kommt vor, alles wird angetippt. Das alte Rostock mit den vier großen Kirchen, Begegnungen, Nachbarn, die neue Wohnung in der Augustenstraße, die sonnige Kindheit, die Naivitäten der Mutter, die Wunderlichkeiten und Sprüche des Vaters, seine Ausfälle und sein Klavierspiel, „Swing tanzen verboten“ und „Juden unerwünscht“. Auf der weißen Rückwand aus Papier, blass mit Kempowski-Zitaten bedruckt, wird es kräftig angeschrieben, werden Stadtansichten, Hitlergruß, marschierende Soldaten als Schattenrisse projiziert. Die Hitlerjugend, Scharlach an Weihnachten 1939, die Bombenangriffe und die späte Einberufung des Vaters, der nicht aus dem Krieg zurückkehrt. Biographie - ein Spiel? Eher ein Schnelldurchlauf: das Kriegsende, die Russen, die Lockungen des Westens, die leichtsinnige Rückkehr, nach der Walter wegen Spionage verhaftet wird, acht Jahre Bautzen (hier nur eine Episode), dann 1956 Hamburg, Studium in Göttingen, Dorfschullehrer in Nartum, das späte Debüt als Schriftsteller 1968, dessen Antrieb und Selbstverständnis, die Borniertheiten und Verdikte der Kritik, Schmerz und Verbitterung über mangelnde Anerkennung.

          Die Inszenierung von Dariusch Yazdkhasti verflüssigt die biographische Skizze zu munterem Erzähltheater, das Dialoge und Rückblenden, Kurzszenen und Stegreifanmutungen, Erinnerungsfetzen und geflügelte Worte geschickt ineinandergreifen, mitunter auch lautstark auseinanderfallen lässt: „Ansage mir frisch!“ Wer nicht viel weiß über Kempowski, bekommt erweiterte Grundinformationen, kurzweilig aufbereitet und mit einschlägigen Stellen garniert, das Theater als besserer Literaturlexikonersatz; wer Kempowski besser kennt, erfährt nichts Neues. Nichts über seine Bedrängnisse, Gewissensnöte, Abgründe, nichts über seine geheime Größe. Und wenig über seine Chronistenakribie und seinen Humor: „Himbeersauce fehlte leider. Da frage ich dann doch: Wieso eigentlich?“ Buch zu, Licht aus.

          Aber da war ja doch noch das Blankobuch! Wird es sich zum kollektiven Tagebuch füllen? Dafür müssten die Zuschauer Kempowski erst einmal lesen. Verführen kann diese Bielefelder Uraufführung sie dazu kaum, eher lässt sie ihnen nichts anderes übrig. „Immerhinque?“ - um es im Stil des alten Papa Kempowski fragend auszudrücken.

          Weitere Themen

          Die Niederlage der Denker

          Französische Kontroverse : Die Niederlage der Denker

          Wir bleiben eine Zivilisation: Der französische Philosoph Alain Finkielkraut geht mit Äußerungen von Giorgio Agamben und Peter Sloterdijk zur Corona-Krise hart ins Gericht.

          Topmeldungen

          Abstrich zur Corona-Analyse: Ein Mann lässt sich in Köln auf den Erreger Sars-CoV-2 testen.

          Engpass vor dem „Exit“ : Teste mich, wer kann

          Die Ärztekammer verlangt, dass viel mehr Menschen auf Corona getestet werden – doch der Verband der Laborärzte hält das für nicht machbar. Scheitert der „Exit“ an der Labor-Logistik?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.