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Kunstförderung in New York : Ein alter neuer Deal

  • -Aktualisiert am

New Yorks Bürgermeister spricht nach einer Tour durch das Impfzentrum am Broadway, wo durch große Investitionen der Stadt bald wieder mehr los sein soll. Bild: AP

Fast zwei Drittel aller Jobs in der Kulturszene New Yorks wurden während der Pandemie vernichtet. Bürgermeister De Blasio versucht nun mithilfe einer Idee von Franklin D. Roosevelt dieser Entwicklung einen Riegel vor zu schieben.

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          Volle Bars, ausgelassene Stimmung, Live-Musik in den Parks. Wer dieser Tage durch Manhattan oder andere New Yorker Stadtteile spaziert, bekommt einen Vorgeschmack auf den „vaccine summer“, den Sommer der Geimpften. Die Stadt, die bis auf die Geschäftsviertel nie vollständig heruntergefahren werden konnte, ist zurück. Die fröhliche Atmosphäre kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass den Kulturschaffenden immer noch die größten Einnahmequellen fehlen. Die Theater sind nach wie vor geschlossen, Konzerte mit Ticketverkauf kommen nur langsam zurück.

          In einem offiziellen Bericht hieß es Anfang des Jahres, dass in den Bereichen Kultur, Unterhaltung und Freizeit fast zwei Drittel aller Jobs vernichtet worden seien. Deswegen investiert die Stadt, zum Teil mit Covid-Hilfsgeldern aus Washington. „Open Culture“ und „NYPopsUp“ heißen die Initiativen, die die Verwaltung zuletzt ins Werk setzte, um Kreative zu unterstützen – in Parks oder auf der Straße finanziert sie Auftritte von Musikern und Künstlern. Nun will New Yorks Bürgermeister ein sogenanntes „City Artist Corps“ ins Leben rufen – angelehnt an die Kunstförderprogramme der New-Deal-Ära.

          25 Millionen Dollar Investition

          Bill de Blasio kündigte an, die Stadt werde 25 Millionen Dollar ausgeben und 1500 Kreative beauftragen. In New York leben angeblich 56.000 Künstler. Sie können sich jetzt bewerben, um zum Beispiel Wandgemälde zu schaffen. Auch Musiker und Schauspieler würden dafür bezahlt, wenn sie in den fünf Stadtteilen auftreten. Die New Yorker Kulturszene könne so neue Kraft gewinnen, sagte der scheidende Verwaltungschef, der nach zwei Amtszeiten im November nicht wieder antreten darf.

          De Blasio, der als Parteilinker gilt, doch bei allen politischen Flügeln gleichermaßen unbeliebt ist, verglich sein Vorhaben mit dem „Federal Art Project“. Es sei fantastisch, was die Regierung von Franklin D. Roosevelt in den Dreißigerjahren geschafft habe, sagte er. Die staatlichen Programme für Künstler seien eine Inspiration für das New Yorker Programm. Nach dem Börsencrash von 1929 waren unter den bald 25 Prozent arbeitslosen Amerikanern auch Hunderttausende Kulturschaffende. Teil des New Deal, mit dem die Regierung von Mitte der dreißiger Jahre an große Infrastrukturprojekte auflegte, war das „Public Works of Art Project“.

          Der Staat beauftragte 1934 insgesamt 3749 Künstlerinnen und Künstler, die 15.663 Gemälde, Wandbilder und Skulpturen in öffentlichen Gebäuden schufen. Ihre Werke sind bis heute in Bahnhöfen, Schulen und Behörden zu sehen. Später halfen die Programme Künstlern wie Jackson Pollock, Mark Rothko oder Lee Krasner. Neben dem „Federal Art Project“ gab es das „Federal Writers Project“, das „Federal Music Project“ und das „Federal Theater Project“, das etwa Arthur Miller und Orson Welles beim Karrierestart unterstützte.

          Künstler in Not

          Damals wie heute leben die meisten Künstler in New York als Freiberufler. Sie mussten schon vor der Pandemie mit hohen Mieten, Studienschulden und einem oft unerschwinglichen Krankenversicherungssystem zurechtkommen. In den vergangenen Monaten konnten sie leichter Arbeitslosengeld beantragen. In New York wollten auch private Organisationen helfen, 28 von ihnen gründeten einen 75-Millionen-Dollar-Hilfsfonds für Kulturschaffende.

          Das „Artist Corps“-Programm soll hingegen weniger als Notunterstützung funktionieren, da die Künstler für das Geld arbeiten werden. Die ersten öffentlichen Aufträge könnten schon am 1. Juli erteilt werden. Zu diesem Termin hatte de Blasio eigentlich die vollständige Öffnung New Yorks vorgesehen. Doch Gouverneur Andrew Cuomo grätschte ihm wie so oft dazwischen und verlegte den Termin auf den 19. Mai – dann sollen die meisten Beschränkungen für Bars, Restaurants und Musikveranstaltungen aufgehoben werden. Und auch die U-Bahn wird demnächst wieder vierundzwanzig Stunden in Betrieb sein.

          Für de Blasio geht es hierbei unter anderem darum, seine Amtszeit mit positiven Entscheidungen zu beenden. Während der Pandemie war seine bisweilen zögerliche Krisen-Politik vielfach kritisiert worden. Bevor Gouverneur Cuomos Höhenflug mit Vorwürfen der sexuellen Nötigung abrupt endete, war de Blasio der Verlierer im Wettstreit um das Image als besserer Krisenmanager. Zuletzt hatte er sich auch dadurch unbeliebt gemacht, dass er trotz fehlender Aussichten in den Präsidentschaftswahlkampf eingestiegen war und so von seinen Aufgaben in New York abgelenkt gewesen sei, wie Kritiker ihm vorwarfen. Mit seinem neuen Projekt liegt de Blasio nun ganz auf der Linie von Präsident Biden, der in den vergangenen Wochen umfassende staatliche Programme für die Infrastruktur und die Mittelklasse angekündigt hatte.

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