https://www.faz.net/-gqz-ccc

Ein Abend mit Peer Steinbrück : Die Sprache für unsere Lage

  • -Aktualisiert am

Hier sind wir, da geht's hin: Peer Steinbrück hält die „Lecture de l'Academie de Berlin 2011” Bild: dpa

Wenn Peer Steinbrück in Berlin über das Verhältnis von Frankreich und Deutschland spricht, ist das Politik für Erwachsene: wenig Lob, viel Analyse, keine Polemik, keine Versprechen. Geschickt bringt sich der ehemalige Minister in eine gute Position für die Zukunft.

          6 Min.

          Kurz vor dem Beginn seiner Rede steht Peer Steinbrück noch vor dem Eingang des Französischen Doms am Berliner Gendarmenmarkt. Der Eingang liegt etwas höher, Steinbrück blickt wie von einem Balkon über das Treiben eines sommerlichen Abends in Mitte. So bekommt es gleich etwas Theatralisches, als sich ein zorniger, ganz in Schwarz gewandeter junger Mann nähert und von unten Verwünschungen ruft. Erst fällt ihm der Name des Politikers nicht ein, nur die erste Silbe. „Sie sind doch der Stein. . .“ - „Meier!“, ergänzt Peer Steinbrück. Dann wird er von dem Mann als Volksverräter, neoliberaler Schuft und dergleichen mehr tituliert. Und erfährt, dass er sich „für seine Verbrechen noch werde verantworten müssen“.

          Steinbrück antwortet ihm in gleicher Lautstärke: „Morgen früh um sechs im Grunewald!“ Der Mann zieht fuchtelnd ab. So einer kann von rechts kommen oder von links, dem schwarz gekleideten Rucksackträger sieht man das nicht an. Er mag schlicht geisteskrank gewesen sein, aber das waren die Attentäter bei Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble auch.

          Peer Steinbrück wird jedenfalls auch an den dunkel ausfransenden Rändern der Gesellschaft nicht als Oppositionspolitiker wahrgenommen, sondern als Staatsmann, was in diesen Zeiten nicht unbedingt angenehm ist. Die Bürger spüren die Krise, und sie ahnen eine noch größere nahen, aber der Bundesregierung trauen sie nicht mehr viel zu. Vielleicht müht sich die Kanzlerin deshalb, das Publikum durch Reisen, Volten und Effekte zu faszinieren.

          Wie ein Club politischer Messies

          Der Abend von Steinbrücks Rede, der ersten von der „Zeit-Stiftung“ geförderten „Lecture de l'Académie de Berlin“, fiel in die Zeit der Merkel-Festspiele. Sie war durch Asien getourt, wo sie den Duft der Orchideen pries, hatte auf dem evangelischen Kirchentag die neue Weltordnung erklärt, beendete ohne viel Federlesens die zivile Atomkraft in diesem Land und empfing von Barack Obama den höchsten amerikanischen Orden. Man blickte ihr etwas verwirrt hinterher, als würde der Zerfall von Union und FDP, wie wir sie kannten, eine neuartige Energie freisetzen, die Angela Merkel in höchste Höhen und um den halben Globus trug.

          Peer Steinbrücks Thema lag vor der Haustür: Es war das deutsch-französische Verhältnis und dessen Rolle in Europa. Es ist ein klassisches Feld der deutschen Politik, auf dem aber selbst der interessierte Beobachter nicht mehr durchblickt - und es sind immer weniger, die sich für solche Dinge interessieren, und immer mehr, die in blinde Wut geraten wie der Mann mit dem Rucksack. Mal spazieren Nicolas Sarkozy und Angela Merkel in Deauville am Strand entlang, dann werden die automatischen Sanktionen beim Verstoß gegen den Stabilitätspakt gekippt; mal tönt die Kanzlerin gegen die faulen Südländer. Bald sind wir die allerbesten Europäer, dann wieder nicht deren Zahlmeister. In allen Sonntagsreden wird die deutsch-französische Freundschaft beschworen, doch wenn es am Mittelmeer brodelt, wie vor Bengasi oder eines Tages vielleicht, und dann mit weit dramatischeren Implikationen, in Algerien, dann steht Paris ziemlich allein da.

          Die Koalition agiert wie ein Club politischer Messies: Themenfelder werden nicht besetzt, sondern irgendwie zugeschüttet, bis keiner mehr hinsehen mag.

          Der innere Frieden der Sozialstaatlichkeit

          Darum folgte das hauptstädtisch-bürgerliche Publikum der Steinbrück-Rede über die ganze Strecke, selbst als er nach mehr als einer Stunde zum wiederholten Mal „kurz auf sieben Aspekte“ eines Unterpunkts einging. Es war Politik für Erwachsene: wenig Lob, viel Analyse, keine Polemik, keine Versprechen.

          Weitere Themen

          „Dinner Date“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dinner Date“

          „Dinner Date“ läuft montags bis freitags um 18.35 Uhr bei ZDFneo.

          Topmeldungen

          Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

          Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

          Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
          Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

          Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

          Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.