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Solidarität mit Frauen in Iran : „Sobald Europa nicht hinsieht, ist das unser Todesurteil“

  • -Aktualisiert am

Die Mitwirkenden des Abends im Berliner Ensemble versammeln sich auf der Bühne. Bild: Moritz Haase

Im Berliner Ensemble lenken deutsch-iranische Schauspielerinnen, Journalistinnen den Blick auf die Menschen, die in Iran seit Monaten protestieren. Es geht um Solidarität.

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          Zunächst ist die Bühne völlig leer. Nur ein Slogan auf Persisch und Deutsch ist auf die Wand im Hintergrund projiziert. „Zan, Zendegi, Azadi – Frau, Leben, Freiheit“ – sechs Worte, die den Theaterabend im Berliner Ensemble, der den Protesten in Iran gewidmet ist, prägen werden.

          Plötzlich setzt das David Klein Quartett mit einer Saxophonmelodie ein. „Wenn du, wie die Sonne, nicht auf mich strahlst, dann erkalte ich“, singt die Schauspielerin Jasmin Tabatabai. Dieser Abend, der die Träume und Verletzungen in Iran offenlegt, der die scheinbar aussichtslose politische Lage aufzeigt, der Toten gedenkt und die Proteste dem deutschen Theaterpublikum vor Augen führen soll, beginnt mit einem Liebeslied.

          Es ist der Jazzsong „Gole Sangam“, übersetzt „Blume aus Stein“, von Anoushiravan Rohani, den die drei deutsch-iranischen Schauspielerinnen Melika Foroutan, Sarah Sandeh und Jasmin Tabatabai ausgewählt haben, um sich solidarisch mit den Protestierenden zu zeigen und zugleich die Vielfalt der persischen Kultur zu feiern. Alle drei haben diesen Abend organisiert, um „ein Zeichen gegen die Gewaltherrschaft der islamischen Republik und für die Freiheitsbewegung“ zu setzen.

          Gedicht über unterdrückte Frauen

          Lyrisch startet die Solidaritätsinitiative, die auch kritisch mit der deutschen Haltung gegenüber Iran umgeht, mit dem Gedicht „Die Aufziehpuppe“ der Dichterin Forugh Farrochzad, die 1935 in Teheran geboren wurde und als erste Lyrikerin der iranischen Moderne gilt. Sie schrieb autobiographisch und führte ihre Leserschaft ins Private der iranischen Familien. Ein subversiver Vorgang in einem Land, in dem, so die Novellistin Shahrnush Parsipur, „man sogar hinter hohen Mauern flüstert“. In ihrem kurzen Text, den Foroutan langsam vorträgt, schildert sie das Los der ans Haus gefesselten Frauen und kritisiert das Stummbleiben in einer Phase der radikalen Veränderung: „Länger, oh ja, noch länger. Viel länger kann man stumm sitzen bleiben. Man kann wie eine Aufziehpuppe sein.“ Doch der Punkt, das freundliche Lächeln abzulegen, sei jetzt, sagt Foroutan anschließend.

          Gerade die Frauen sind es, die an der Spitze der neuen Protestbewegung stehen. Nach dem Tod von Jina Mahsa Amini, die am 16. September von der Sittenpolizei verhaftet wurde, weil sie das Kopftuch nicht im Sinne der Sittengesetze trug, begannen die Proteste, die nun schon elf Wochen andauern. Das Mullah-Regime lässt das Internet und die Medien zensieren, weswegen im Westen nur fragmentarische Handyvideos in sozialen Netzwerken die Tragweite aufzeigen können.

          Natalie Amiri und Isabel Schayani stellen Videos vor

          Fünf solcher Videos analysieren Natalie Amiri und Isabel Schayani mithilfe von Fragen, die dem Publikum eine Einordnung der Ausschreitungen ermöglichen. All diese Kurzfilme sind bedrückend. Sie zeigen Mädchen, die ihr Kopftuch ablegen und durch die Gegend wirbeln. In einem anderen Video laufen Tausende Menschen durch eine Provinzstadt in Kurdistan, der Region, aus der Amiri stammt, und rufen „Das ist das Jahr des Blutes“. Dann werden junge Männer eingeblendet, die „Habt keine Angst. Wir sind gemeinsam hier“ rufen. Alle Generationen seien auf der Straße, aber vor allem ist es eine Revolution der Jugend.

          Als Meret Becker das „Geheimnis der Kerze“ von Fariduddin Attar vorträgt, wird deutlich, was das für eine Gesellschaft bedeutet, in der der jugendliche Freiheitstraum unterdrückt wird. Der Dichter, der im 12. Jahrhundert lebte, wandte sich gegen religiösen Dogmatismus und Gewalt. Seine Kurzgeschichte handelt von einem tapferem Nachtfalter, der mutig in die Flamme steigt und eins mit dem Licht wird. Dem von Menschenrechtlern betriebenen Informationsdienst HRANA zufolge wurden bisher 450 Demonstranten getötet, darunter 63 Minderjährige. Die drei Schauspielerinnen verlesen ihre Namen und zeigen die Fotos der Kinder und Teenager. Viele von ihnen wurden erschossen. Sie machen 16 Prozent der von Amnesty International dokumentierten Todesfälle unter den Protestierenden aus. Diesen Mut gäbe es immer wieder in Iran – und oft ende er tragisch.

          Auftritt von Iris Berben

          Iris Berben trägt Ausschnitte aus „Dein Name“ von Navid Kermani vor, in dem dieser über die öffentliche Hinrichtung des Oppositionellen Madjid Kawussifar schreibt. Aus diesen Einzelschicksalen entwickeln sich Kollektiverfahrungen und gemeinsamer Protest, was sich im „König der Schwarzgewandeten“ niederschlägt, einem Roman von Huschang Golschiri, der mehrfach vom Schah-Regime inhaftiert wurde. In dem Buch tragen die Revolutionsanhänger Schwarz. Sie werden verhaftet, verhört, ausgepeitscht. Im Gefängnis trösten sich die Todeskandidaten mit Gedichten der persischen Tradition.

          Mitwirkende des Abends auf der Bühne des Berliner Ensembles
          Mitwirkende des Abends auf der Bühne des Berliner Ensembles : Bild: Moritz Haase

          Gegenwärtig, aber ebenso trostspendend ist das Gedicht „Heller Horizont“ von Ahmad Schamlou. Der Dichter wurde vom Schah- und Mullah-Regime verfolgt und gilt auch bei den aktuellen Protesten als wichtiger gedanklicher Wegbereiter. Seine Lyrik ist dennoch von Aufbruchsstimmung geprägt und macht Hoffnung, dass die Revolution Veränderungen anstoßen wird. „Eines Tages werden Freundlichkeit und Schönheit Hand in Hand gehen. An diesem Tag – wird das Lied ein Kuss sein. Und jeder Mensch wird ein Bruder zu jedem anderen Menschen sein“, heißt es darin.

          Doch am Ende bleibt vor allem der eine Appell einer Studentin aus Teheran im Gedächtnis, den wieder Natalie Amiri vorliest. „Sobald Europa nicht hinsieht, ist das unser Todesurteil. Man muss die Proteste wahrnehmen. Nur das rettet unser Leben.“ Mit ähnlichen Worten schließen auch die drei Schauspielerinnen den eindringlichen Abend ab. „Wir müssen die Rufe der Menschen in Iran nach Freiheit und Gleichberechtigung verstärken. Damit sie hier weiter gehört werden.“

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