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Ehebruch in der Literatur : Du sollst nicht heiraten!

Effi, Emma und Anna: Wolfgang Matz untersucht in einer brillanten Studie den Ehebruch als literarisches Phänomen. Sein Material: Drei Romane von Fontane, Flaubert und Tolstoi.

          Nach Dr. Brehm“, heißt es am Ende von Eduard Westermarcks „Geschichte der Ehe“, die 1903 erschien, „paaren sich die meisten Vögel auf Dauer, während unter den Säugetieren, mit Ausnahme des Menschen und vielleicht der Menschenaffen, nur selten derselbe Mann und dieselbe Frau länger als ein Jahr lang zusammenleben.“ Aber, so der vergleichende Blick des Anthropologen, auch unter Menschen würden Ehen in vielen Völkern nicht für immer abgeschlossen und mitunter sogar ganz bewusst nicht auf Dauer.

          Die Moral der vorangegangenen Jahrhunderte hatte das zumindest in Europa anders gesehen. Ja, im neunzehnten Jahrhundert waren sogar Liebe und Ehe immer mehr in eins gesetzt worden: keine Ehe ohne Liebe und keine Liebe ohne das Ein-für-alle-Mal des „Du, nur du allein“. So jedenfalls sollte es sein, und wenn es sich anders ergab, dann umso schlimmer für die Tatsachen. Das war, wie konservative Beobachter sofort einwandten, ein riskantes Sollen. Denn was sei unstetiger als Gefühle, vagabundierender als Sexualität, erfahrungsärmer als junge Leute, die sich zu etwas entschließen sollten, was sie noch nicht gelernt hatten, Liebe, und was sie in seinen Folgen keinesfalls absehen konnten, Ehe.

          Umso schwieriger für die Beteiligten, umso besser für die Literatur. Nach der Eheanbahnung, die seit jeher ein Komödienstoff war und in den Welten Jane Austens zum Medium von Personenkenntnis schlechthin wurde, rückt das Scheitern von Ehen zum Motiv der größten Romane auf. Es gibt, so die Erzählstimme des jungen Gustave Flaubert 1842, „für mich ein Wort, das unter den menschlichen Worten das schönste schien: Ehebruch, eine auserlesene Süße schwebte undeutlich über ihm, ein einzigartiger Zauber ziert es; jede Bewegung, die man macht, sagt es und kommentiert es auf ewig für das Herz des jungen Mannes, er berauscht sich ohne Ende, er findet darin die höchste Poesie, eine Mischung aus Verdammnis und Lust.“

          Motiv der Liebe ohne Vorschriften

          Gegenüber der bürgerlichen Norm erschloss der Seitensprung nicht nur das außeralltägliche Abenteuer. Der Ehebruch schien als Motiv auch einer Vorstellung von Liebe gemäß, die sich keine Vorschriften machen lässt, nicht einmal von sich selbst.

          Jedenfalls war das so in Kontinentaleuropa. Auf den Britischen Inseln machte man meist einen Bogen um das Thema. Oder die Autoren, argwöhnisch beäugt von den Leitern der großen englischen Leihbibliotheken, die nur sittsamen Lesestoff ankauften, schickten ihre Helden auf seltsame Ehebruchsumgehungsstraßen wie 1847 Emily Brontë in den „Sturmhöhen“, wo eine Person nach der anderen geopfert wird, nur damit es nicht zum Äußersten kommt. In Frankreich, Deutschland und Russland hingegen stellen drei der meistgelesenen Romane des Jahrhunderts den durch Affären bewirkten Sturz einer Frau aus ihrer bürgerlichen Existenz in ihr Zentrum: „Madame Bovary“ von 1856/57, „Anna Karenina“ von 1877/78 und „Effi Briest“ von 1894/95.

          Der Münchner Literaturhistoriker Wolfgang Matz hat jetzt die raffinierten Konstruktionen von Flaubert, Tolstoi und Fontane – die sich 1856/57 gut hätten in Paris begegnen können – auseinandergenommen. Er führt uns ihre Mechanik vor, in allen Einzelbauteilen: die Ehemänner, die Ehebrecherinnen und ihre Geliebten. Matz befragt alle Eigenschaften dieser Figuren, Stand und Alter, Intelligenz und Gewissen, Temperament und Phantasiebegabung.

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