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Eheberatung in Rheinland-Pfalz : Commercium Sexuale

  • -Aktualisiert am

Metaphysik wird allenfalls vor der Schließung einer Ehe verzapft, die Lösung gehorcht in der Regel nüchternen Gesichtspunkten. Bild: Picture-Alliance

Wie wird die Ehe vollzogen? In der möglichst regelmäßigen Wahrnehmung gewisser Rechte und Pflichten. Die Broschüre „Ja, ich will!“ des rheinland-pfälzischen Frauenministeriums weiß Rat.

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          Wenn es dann so weit ist und der Standesbeamte oder der Pfarrer einen fragt, ob man wolle, dann käme wohl niemand auf die Idee, da noch einmal nachzuhaken: „Ja, ich will. Warum fragen Sie?“ Obwohl es sich also um alles andere als eine offene Frage handelt, verlangt es das Trauungszeremoniell, dass sie immer noch eigens gestellt wird.

          Mit dem folgenden Sprechakt des Pfarrers oder Standesbeamten „Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau“ ist die Ehe aber keineswegs vollzogen; das geschieht, im Bett oder anderswo, in der möglichst regelmäßigen Wahrnehmung gewisser Rechte und in der ebenso regelmäßigen Ausübung gewisser Pflichten, die Immanuel Kant in seiner „Metaphysik der Sitten“, Paragraph 24, stichhaltig auf diesen berüchtigten Nenner brachte: „Geschlechtsgemeinschaft (commercium sexuale) ist der wechselseitige Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht (usus membrorum et facultatum sexualium alterius)“.

          Über das Leistungsdenken ist man hinaus

          Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Mit dem „Vermögen“ ist nicht etwa das gemeint, worum es nach einer Ehe meistens nur noch geht, sondern das, nun ja, geschlechtliche Vermögen, id est die sexuelle Leistungsfähigkeit. Es mag aus heutiger Sicht verwundern, dass ausgerechnet dieser trockene Denker solchen Wert auf die fleischliche Pflichterfüllung legte; drei Paragraphen weiter heißt es nämlich klipp und klar: „Der Ehe-Vertrag wird nur durch eheliche Beiwohnung (copula carnalis) vollzogen.“

          Über diese Art von Leistungsdenken ist man heute hinaus, und während wir darüber grübeln, ob man das für einen Fortschritt halten oder nicht vielmehr bedauern soll, flattert uns die sechste Auflage der Broschüre „Ja, ich will!“ des rheinland-pfälzischen Frauenministeriums auf den Tisch. Ist es Defätismus, wenn die grüne Staatssekretärin Christiane Rohleder darauf hinweist, das Blatt enthalte „wichtige Informationen zur rechtlichen Situation vor, während und nach der Ehe“?

          Sicher kann es nicht schaden, mit allem zu rechnen; aber man stelle sich einen Lebensratgeber vor, der auch Tipps für die Zeit vor und vor allem für die Zeit nach dem Leben bereithielte – ein Dilemma ersten Ranges, dessen Lösung die Bereitschaft erfordert, sich auf metaphysisches Gelände vorzuwagen und den eigentlichen Gegenstand der Betrachtung irgendwann aus den Augen zu verlieren. Metaphysik wird allenfalls vor der Schließung einer Ehe verzapft, die Lösung gehorcht in der Regel nüchternen Gesichtspunkten.

          Selbst Kant, bei dem Fleischliches und Sittliches sich so erstaunlich entspannt gegenüberstanden, bekam dieses Problem nicht abschließend in den Griff. Zwar kannte auch er schon den „Ehevertrag“, der in dem rheinland-pfälzischen Schrieb eine natur- und zeitgemäß große, jeglichen übersinnlichen Einschlags beraubte Rolle spielt; aber er meinte damit erheblich mehr als Gütertrennung, Unterhalt und dergleichen, etwas knallhart Sittliches eben, das vor den „Rechtsgesetzen der reinen Vernunft“ unbedingt Bestand haben sollte und nicht etwa in kleiner Münze auszahlbar war.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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