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Effizienter Essen : Was die Vernunft so alles runterwürgt

  • -Aktualisiert am

Ihn musste man noch mit Gewalt zwingen, das neumodische Ersatz-Essen zu sich zu nehmen: Charles Heston in „Jahr 2011 ... die überleben wollen“ (1973) Bild: ddp images

Ein Unternehmer bietet Komplettersatz für jede Form der herkömmlichen Ernährung an - was einst eine cineastische Horrorvision war, ist jetzt Geschäftsidee.

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          Im Jahr 2022 leben vierzig Millionen Menschen in New York, doch von Leben kann keine Rede sein, sie liegen siech in Straßen, Kirchen, Treppenhäusern. Nur einmal die Woche machen sie sich auf die Beine, dann wird Soylent verkauft, ein künstliches Nahrungsmittel in den Farben Rot, Gelb und, ganz neu und besonders nahrhaft, Grün. Von Natur und wirklichem Essen erzählen nur noch alte Männer. Charlton Heston schwitzt sich als Polizist Thorn neunzig Minuten lang durch dieses postapokalyptisch ausstaffierte New York. Der Klimawandel lässt ihm keine kühle Minute.

          Er verfolgt den Mord an einem Aufsichtsratsmitglied von Soylent. Die Spur führt ihn bis in eine Euthanasieklinik. Dort werden Lebensmüden vor ihrer „Einschläferung“ Naturaufnahmen vorgespielt, begleitet vom ersten Satz der Beethovenschen Pastorale. Von dort gelangt er mit dem Leichentransport in die Fabrik von Soylent Grün. Am Ende des Films wird er schwer verletzt auf einer Trage liegen und rufen: „Soylent green is people!“, „Soylent Grün ist Menschenfleisch!“

          Ein Pulver erspart alles

          Der amerikanische Softwaredesigner Rob Rhinehart legte also einen sehr speziellen Humor an den Tag, als er nun ein Nahrungspulver unter dem Namen „Soylent“ auf den Markt brachte. Es handelt sich nicht um ein Nahrungsergänzungsmittel, sondern um ein „total food replacement“, einen Nahrungskomplettersatz. Seine Firma liefert beutelweise Pulver, das man mit Wasser anrühren, mit Rapsöl aus beigelegten Karfiolen versetzen und mit einer Fischölkapsel garnieren soll. Drin sein soll alles, was man braucht. Es ähnelt wohl dem Brei, den man üblicherweise durch Magensonden pumpt.

          Warum sollte man sich das antun? Natürlich gibt Rhineharts Website die Antwort: Essen macht nur Scherereien. Mit Soylent spare man sich die Zeit fürs Einkaufen, Kochen, Aufräumen. Man ernähre sich gesund. Und: Man reduziere seinen ökologischen Fußabdruck.

          Dystopie als Erlösung

          In „Jahr 2022 ... Die überleben wollen“ ist Thorn den Tränen nahe, als er zum ersten Mal in seinem Leben in einen Apfel beißt, und das New Yorker Lumpenproletariat ernährt sich von SoylentKrümeln. Rhinehart will nun diese Dystopie als Erlösung verkaufen: „Free you body.“ Er hat mit dem Pulver kein Problem: „Ich war nie der Essenstyp“, sagt er in einem Youtube-Video. Für ihn gehe es beim Essen um Effizienz. Das schließe aber nicht aus, dass man ab und zu mal richtig gutes, richtig echtes Essen richtig genießen könne.

          Die Logik hinter Rhineharts Soylent wird von der zeitgenössischen Ernährungswissenschaft nahegelegt: Die Nahrungsmittel, die wir genießen, sind nur die hinderliche Hülle einiger nützlicher Nährstoffe.

          „Wir müssen unser Verständnis des Körpers und der Ernährung nutzen und etwas Neues machen, etwas Menschgemachtes für Menschen, für die Menschheit“, sagt Rhinehart und führt aus, dass er es schon als Kind eigenartig fand, Kohl oder Salat zu essen, es mache doch keinen Sinn, wie ein zivilisierter Mensch zu leben, aber trotzdem Blätter zu essen wie ein Tier. Rhineharts Verständnis von Menschlichkeit beschränkt sich auf unsere Fähigkeiten zu Vernunft und Ethik. Die Aspekte der Menschlichkeit, die unser Leben schön machen, sind ihm zu tierisch. Das passt in die Logik unserer Zeit, wo Kinderkriegen, Muße, Bewegung an der frischen Luft aus schrecklich vernünftigen Gründe zugunsten des Funktionierens in der Maschinerie beiseitegeschoben werden.

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