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Reise ans Ende des Glasfasernetzes : Der Strand, an dem unsere Daten sind

Das Internet hat zwar keinen klaren Standort, dennoch benötigt es Infrastruktur. Die lässt sich in Eemshaven begutachten. Bild: Tobias Rüther

Das Internet hat keinen Ort, es verändert die Landschaft trotzdem: Eine Reise ans Ende der Kabel nach Eemshaven, wo man einen Blick in die Zukunft werfen kann.

          Kurz vor Eemshaven steht ein Pferd auf einer Wiese, ein Schimmel, mit verbundenen Augen. Der Schimmel rührt sich nicht. Vielleicht trägt er einen Fliegenschutz, vielleicht stimmt auch etwas mit seinen Augen nicht, vielleicht sind es Scheuklappen: Pferde beruhigt es ja, wenn sie nicht genau wissen, was um sie herum geschieht. Jedenfalls steht er ganz still da.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zwei, drei Kilometer weiter, an noch mehr Wiesen vorbei, unter riesigen Windrädern hindurch, liegt Eemshaven. Hier, wo die Ems in die Nordsee mündet, enden nicht nur die Niederlande: Hier kommt auch das Glasfaserkabel für das Internet aus dem Meer, das Amerika mit Europa verbindet. Hier betreibt der Stromkonzern RWE ein großes Werk, die Kühltürme blasen weißen Dampf in den blauen Himmel über dem Meer.

          Die Kontur der Daten ist viereckig

          Hier ist auch die sogenannte Eemscentrale angesiedelt, von der Straße aus nicht zu sehen: angeblich das leistungsstärkste Kraftwerk der Niederlande. Hier, wo für Energie und Kühlung gesorgt ist, wächst seit Jahren ein europäischer Standort für Rechenzentren heran. Irgendwo müssen die Server ja stehen, in denen unsere E-Mails gespeichert sind, die Suchanfragen, Profile, die Urlaubsfotos, die Katzenvideos und die von Götzes Tor.

          Und gleich am Anfang des Areals von Eemshaven steht auch so ein Rechenzentrum, an der zweiten Abfahrt aus dem ersten Kreisverkehr. Der Speicher gehört zum Unternehmen TCN, das „Data Hotels“ anbietet, in die man sich einmieten kann. Das in Eemshaven, erklärt TCN auf seiner Website, sei 2007 „in enger Abstimmung“ mit einem „Großkunden“ fertiggestellt worden, der seitdem den ganzen Komplex, groß wie ein kleines Fußballstadion, für sich beanspruche: 10 500 Quadratmeter für die Server und ein zweigeschossiges Bürogebäude. Dieser Großkunde ist, nach allem, was man weiß, Google.

          Hier wird also zu Beton und Metall, was sonst nicht fassbar ist, hier besetzt es Grund und Boden, hier ist es da. Wie im Film vom „Invisible Man“, wo sich ein Unsichtbarer Verbände anlegt, um eine Kontur zu bekommen. Die Kontur der Daten ist viereckig. Das ist natürlich wieder nur eine Metapher.

          Kein Zutritt für Unbefugte

          Auf die Anfrage, den Speicher in Eemshaven zu besichtigen, hatte Google geantwortet: Es sei generell und aus Sicherheitsgründen nicht möglich, Rechenzentren von Google zu besuchen, aber man könne sich im Netz über sie informieren: Die Website verzeichnet dann dreizehn Rechenzentren, in Europa sind es Dublin, St. Ghislain in Belgien und das finnische Hamina. Eemshaven ist nicht dabei. Der amerikanische Blog „Data Center Knowledge“, der ein solches Renommee hat, dass Google selbst ihn auf seiner Website an anderer Stelle zitiert, führt Eemshaven allerdings als einen der großen, externen Standorte des Unternehmens auf. Hunderttausend Server sollen es hier sein.

          Ich klingele. Eine Männerstimme meldet sich auf Niederländisch. Guten Tag, sage ich auf Englisch, und meinen Namen, und dass ich ein deutscher Journalist sei. Können Sie mir sagen, frage ich, ob dies ein Rechenzentren von Google ist? Das hier ist ein Rechenzentrum von TCN, antwortet die Männerstimme freundlich. Ja, aber TCN vermietet doch den Speicher weiter. Sir, ich kann Ihnen darüber keine Informationen geben.

          Ich bedanke mich und gehe zurück zum Auto. Ich habe es am Kreisverkehr geparkt, weil die Zufahrt zum Rechenzentrum (Stahltor, Gegensprechanlagentürmchen, Parkplatz, niemand zu sehen) und weiter zu den anderen Industrieanlagen am Huibertgatweg für Unbefugte verboten ist.

          Sicherheitsbeamte bewachen den Zweckbau

          Es gibt Dinge, die Internetkonzerne ungern verraten. Den Energieverbrauch zum Beispiel. Und wie sie ihre Daten speichern. Könnte ja die Konkurrenz interessieren. Der amerikanische Journalist Andrew Blum hat es mal in ein Rechenzentrum von Google geschafft, in Oregon, mehr als die Kantine und ein paar Fassaden wollte man ihm nicht zeigen, schreibt er in seinem Buch „Kabelsalat“.

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