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Roman vor Gericht : Autofiktionen

  • -Aktualisiert am

Dem französischen Schriftsteller Edouard Louis gelangen mit seinen beiden Romanen große Erfolge. Bild: AFP

Kann ein Roman, der von einem Verbrechen berichtet, die Privatsphäre des Verbrechers beschädigen? Auch dann, wenn er nur grob skizziert wurde? Das wird nun in Frankreich verhandelt.

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          Die Gattung der literarischen Autofiktion produziert noch immer erstaunliche Erfolge und verrückte Geschichten. Mit seinem Erstling „Pour en finir avec Eddy Bellegueule“ ist Edouard Louis 2014 ein Senkrechtstart gelungen: 300.000 verkaufte Exemplare, zum Teil hymnische Rezensionen. Er brachte mit seinem Roman sein Heimatdorf und seine ganze Familie gegen sich auf. Zu Beginn dieses Jahres legte er eine „Histoire de la violence“ nach. Der Schriftsteller schildert darin seine Vergewaltigung durch einen jungen Marokkaner, den er Réda nennt. Fünfmal liebten sie sich, bevor Réda ein Messer zückte und Edouard Louis missbrauchte.

          Die Kritiker haben diese Szene voller Bewunderung für die Manneskraft der jugendlichen Protagonisten zusammengefasst. Edouard Louis aber reichte Klage ein – wegen Vergewaltigung und versuchten Mordes. Die Polizei stellte an seinem Hals Strangulationsspuren fest und fand in seiner Wohnung DNA-Proben. Diese führten zufälligerweise zur Entdeckung von Réda, der als Drogenhändler festgenommen worden war.

          Die DNA-Spuren sind eindeutig

          Praktisch gleichzeitig erschien die „Geschichte der Gewalt“, die es inzwischen auf eine Auflage von 100.000 Exemplaren gebracht hat. Der Autor, der die verlogene Gesellschaft bekämpft und sich lieber mit ihren Außenseitern identifiziert, zeichnet darin ein verständnisvolles Porträt seines „ebenso verlorenen“ Peinigers, der das alles nicht vorausgesehen habe. Darauf wird sich Rédas Anwalt stützen können.

          Vorerst aber hat sein Klient Klage gegen den Schriftsteller eingereicht: Er will eine Gegendarstellung im Roman und 50.000 Euro Schadenersatz wegen Verletzung der Privatsphäre und der Unschuldsvermutung. Zur Verhandlung vor Gericht erschien er nicht, offensichtlich bekam er keinen Freigang. Die Vergewaltigung, um die es erst später gehen wird, streitet er ab. Sein Anwalt musste erklären, warum Réda sechs verschiedene Namen und Adressen benutzt: Er habe keine Aufenthaltserlaubnis und sei ständig auf der Flucht.

          Aber an der Forderung gegen Edouard Louis hält er eisern fest. „Nicht das Buch, sondern die DNA-Analyse hat ihn überführt“, kontert der Verteidiger des Schriftstellers: „Die Beschreibung als Nordafrikaner mit schwarzen Augen, dichten Haaren, homosexuell, gelegentlicher Schwarzarbeiter, drogenabhängig, trifft auf viele zu.“ Wenn da nicht die DNA-Spuren wären, die eindeutig sind. Das Gericht muss die völlig neue Frage beantworten, ob sie einen Bezug zur literarischen Personenbeschreibung aufweisen. Verkündet wird das Urteil am 15.April.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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