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Edmund de Waal : Im Bann des weißen Goldes

De Waals neues Buch „Die weiße Straße“ ist eine Reise an die Ursprünge seiner Kunst, der Kunst des Porzellans. Bild: Theiner, Michael

Scherben pflastern seine Geschichte: „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ war ein Welterfolg. Jetzt hat Edmund de Waal ein Buch geschrieben, das von seinem Lebenselixier handelt - dem Porzellan.

          Edmund de Waal ist ein Getriebener. Er will den Dingen auf den Grund gehen. Mit Hingabe an der Sache und Besessenheit von derselben gräbt er in die Tiefe, fördert Verborgenes zutage und versucht im Streben nach Verstehen seine Splitterfunde schriftstellerisch zu einem schlüssigen Ganzen zu fügen. In seinem vor fünf Jahren erschienenen Überraschungsbestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ begab sich de Waal auf eine Spurensuche nach der eigenen Herkunft. Den Anstoß dazu gab eine Sammlung von 264 Netsuke, geschnitzten Figuren aus Japan, die er von einem Großonkel geerbt hatte. De Waal hat das Schicksal dieses über fünf Generationen seiner Familie weitergereichten Erbstücks als Sinnbild für Aufstieg und Niedergang des jüdischen Großbürgertums in Europa geschildert.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Danach hat sich de Waal auf eine neue Spurensuche begeben. War „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ eine Reise an die Ursprünge seiner Familie, ist sein jüngstes Buch „Die weiße Straße“, das am Montag in deutscher Übersetzung bei Zsolnay erscheint, eine Reise an die Ursprünge seiner Kunst, der Kunst des Porzellans. Deren Erkundung habe, wie de Waal schreibt, in Laufe der Jahrhunderte schon manchen in den Ruin getrieben. Seine Fährte führt auf vielen Umwegen und über viele Abschweifungen von der Porzellanhauptstadt Jingdezhen, „dem sagenhaften Ur, wo alles beginnt“, in das Dresden des von der Porzellankrankheit befallenen August des Starken und zurück nach England zu den ebenso heldenhaften wie ungelenken Versuchen des kornischen Apothekers William Cookworthy, englisches Porzellan herzustellen.

          In seiner Schreibstube gibt es eine weißen Wand, die de Waal als Notizblock für seine Projekte nutzt. Danach wird sie wieder weiß überstrichen.

          De Waals Spurensuche ist ein quasi-spirituelles Unterfangen, das für ihn eine mitunter auch lästige Notwendigkeit darstellt. „Ich musste unbedingt das Buch über meine Familie schreiben, und ich musste unbedingt dieses Buch über mich und die Farbe Weiß schreiben“, erklärt de Waal beim Gespräch in seinem Londoner Studio. Es habe ihn das Gefühl angetrieben, „wenn ich es jetzt nicht tue, wird es nie geschehen“. Es ist, als müsse de Waal sich an die Wahrheit herantasten und bestimmte Fragen von innen ergründen, bevor er seine Gefäße dreht. Lesen, Denken, Schreiben und Machen sind für ihn ineinander verwobene Prozesse. Das veranschaulicht auch die räumliche Aufteilung des Ateliers, in dem eine Treppe hinaufführt zur Drehscheibe und eine andere zur Schreibstube mit der weißen Wand, die ihm als Notizblock für sein jeweiliges Projekt dient. Bevor er sich einer neuen Aufgabe widmet, wird die Wand übertüncht - so dass er jedes Mal vor einer weißen Wand steht.

          Obsession mit dem „weißen Gold“

          Am Anfang sei ihm nicht bewusst gewesen, wie kompliziert die Geschichte des Porzellans ist und welch hohe Opfer die Herstellung gefordert hat. „Man würde denken, dass die Aufgabe, herauszufinden, warum man Porzellan verwendet, ein Kinderspiel sei, aber das ist nicht der Fall“, lacht Edmund de Waal mit einem Stöhnen, als wiege die Last der selbstgestellten Aufgabe noch auf ihm. Er nennt seine Mission eine „Art Wallfahrt zu den Anfängen“. So lautet auch der englische Untertitel. Die deutsche Ausgabe verwendet stattdessen die etwas blassere Formulierung „Auf den Spuren meiner Leidenschaft“.

          Dabei ist Porzellan für de Waal weit mehr als eine Leidenschaft. Er bekennt sich zu seiner Obsession mit dem „weißen Gold“, das für ihn Vergangenheit mit Gegenwart verbindet. Diese Obsession beruht nicht nur auf der Beschaffenheit des Materials, das „jede Denkbewegung, jeden Wechsel der Gedanken aufzeichnet“, sondern auch auf der Faszination mit der weißen Farbe und ihrer symbolischen Bedeutung, im Guten wie im Bösen.

          Besessenes Bedürfnis nach Reinheit

          Sie war bereits vorhanden, als er mit fünf Jahren seinen ersten Topf formte. Die Lehrerin animierte ihn, das Gefäß bunt zu glasieren. Der Junge aber steckte es in „weiße Glasur, dick wie Frittierteig“. Seitdem lässt ihn die Farbe in all ihren Variationen nicht mehr los. In Hinblick auf Hunderte von Weißtönen, die er als Glasur für seine Gefäße verwendet, hat er sich einmal selbstironisch den „Fauvisten des Weißen“ genannt.

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