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Edmund de Waal : Im Bann des weißen Goldes

Als Künstler wie auch als Autor beschäftigt sich de Waal mit den Kehrseiten der Dinge, die er lieber suggeriert als ausspricht. Am Porzellan fesselt ihn nicht zuletzt die Spannung zwischen dem verfeinerten Produkt und den höllischen Umständen, die zu einer Entstehung führen, zwischen der heiligen Farbe Weiß als Sinnbild von Unschuld und der Korruption dieser Reinheit, wenn sie, wie in den großen Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts, in den Dienst einer Ideologie gestellt wird. „Dieses Gefühl, dass das besessene Bedürfnis nach Reinheit zerstörerisch sein kann, ist zutiefst beunruhigend“, konstatiert der Autor.

Die Instrumentalisierung des Porzellans durch tyrannische Herrscher ist denn auch ein Leitmotiv von „Die weiße Straße“. Als Stichwortgeber dient ihm Hermann Melvilles Nachsinnen über das Weiß des Wals, dessen Unbegreifbarkeit dazu führe, „dass der Gedanke an die Farbe Weiß, sobald er freundlicherer Verbindungen entkleidet ist und mit etwas in sich Schrecklichem gepaart wird, diesen Schrecken bis zum Äußersten steigert“.

Erinnerungssplitter

In diesem Zusammenhang wirkt es wie mehr als eine Fügung des Schicksals, dass sich de Waals Atelier in einer früheren Munitionsfabrik im Süden Londons befindet. „Es ist ein zutiefst belasteter Ort“, gesteht de Waal. Hier, inmitten kleiner Industrieschuppen im wenig glamourösen Bezirk von West Norwood, fertigt der Künstler auf einer Drehscheibe von beinahe monastischer Schlichtheit seine Gefäße, die er in bedeutungsschweren Arrangements vereint.

Das geschmackvoll minimalistische Atelier verströmt Licht und Ruhe aus. Den Künstler aber treibt es in die Schattenwelt von Weiß. Durch die Beschäftigung mit Weiß ist er, wie er selbst sagt, „perverserweise“ dazu gekommen, mit Schwarz zu arbeiten. Diese Farbe ermögliche ihm, Dinge „zum Lob von Schatten“ zu unternehmen, die er mit Weiß nicht auszudrücken vermochte. Erneut greift der studierte Anglist auf eine literarische Vorlage für seine Bildersprache zurück. Diesmal ist es Paul Celans „Todesfuge“ mit der Metapher von der „schwarzen Milch der Frühe“, an der de Waal die „gänzliche Verwandlung von etwas Weißem“ fasziniert. Die düstere Symbolik gewinnt durch die Giftigkeit der mit Metall durchtränkten Glasuren an Nachdruck: sie beschwören Tod und Asche.

Es ist bezeichnend, dass sowohl die frühere Funktion seines Ateliers Niederschlag findet in seinen Kompositionen wie das Auflesen von Scherben bei der Spurensuche für „Die weiße Straße“. De Waal verwendet in seinen wiederum von „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ inspirierten Vitrinen Metallbehälter, die in der Munitionsfabrik für die Aufbewahrung von Bleischrot und anderen Materialien eingesetzt wurden. Darin plaziert er Scherben seines eigenen Porzellans. Sie beschwören ähnlich wie der fragmentarische Charakter seines Erzählstils Erinnerungssplitter und veranschaulichen zugleich die beschwerliche, mit Scherben gepflasterte Geschichte der Porzellanherstellung.

Das Ende in Scherben

Auch die hohe Anfälligkeit fürs Scheitern macht die Besonderheit des Materials aus. De Waal kommt immer wieder auf die Unzahl der missglückten Gefäße zu sprechen. Anders als die Töpfer von Jingdezhen, die ihre Blindgänger auf einen riesigen Haufen warfen. Nicht zuletzt aufgrund des Erfolges von „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ ist der Keramikkünstler zu berühmt geworden, um seine missratenen Töpfe in den Müll werfen. Es ist schon vorgekommen, dass sie im Auktionshaus auftauchen.

Was man alles in diese Fragmente der Vergangenheit hineinlesen kann, führt de Waal am Bespiel eines missglückten Seladon-Stielbechers der Sung-Dynastie vor, den er aus dem Scherbenhaufen von Jingdezhen barg. Er sieht dieses tausend Jahre alt Fragment als Inbegriff der Frustration, mit der jeder Porzellanhersteller leben muss. De Waal zeigt mit seinen langen Fingern auf die Makel, die in sich zusammengefallene Form, die am Stiel konzentrierte Glasur. Er stellt sich vor, wie dem Hersteller zumute war, als er sah, wie sein Werk scheiterte.

Dann nimmt er eine Scherbe Meissener-Porzellan in die Hand. Sie gehört zu einem mit Insekten und Vögeln bemalten Service aus der Klemperer-Sammlung, die bei der Bombardierung von Dresden zertrümmert wurde. De Waal hat einige zerbrochene Teller ersteigert und restaurieren lassen. An hohen Festtagen isst die Familie jetzt von diesen mit Geschichte befrachten Gegenständen, in dem Bewusstsein, dass eines Tages womöglich auch de Waals Keramiken als Scherben enden werden.

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