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Edgar Selge zum Siebzigsten : Wer hörte den Schrei?

Edgar Selge blickt auf eine lange berufliche Laufbahn zurück, die am Theater begann und in eine Fernsehkarriere mündete. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag. Bild: dpa

Man kennt ihn als Shakespeares Jago, als Mann im Parka – oder als Kommissar Tauber im „Polizeiruf 110“. Heute wird Edgar Selge 70 Jahre alt.

          Der Prinz von Homburg durfte er nicht sein, nicht Tasso, nicht Hamlet, in der Rolle der romantisch strahlenden Helden wurden immer die anderen besetzt. Edgar Selge spielte stattdessen früh schon die schwierigen, in sich zerrissenen, abgrundnahen Figuren: Shakespeares Jago, Tschechows Astrow, den Kammerherrn Marinelli in Lessings „Emilia Galotti“, den Schreiber Licht in Kleists „Zerbrochenem Krug“, den Mann im Parka in Botho Strauß’ „Groß und klein“. Im Werkraumtheater der Münchner Kammerspiele, zu deren Ensemble Selge knapp zwanzig Jahre gehörte, hatte er 1994 einen gefeierten Soloauftritt mit dem Koltès-Monolog „Die Nacht kurz vor den Wäldern“, 1997 riss er aus Rilkes „Duineser Elegien“ Textfasern heraus und fügte sie zu einem Abend zusammen unter dem Titel: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich“.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Verzweiflung und Absturz waren ihm, dem Sohn eines Gefängnisdirektors, von früh auf vertraut. Seine ersten Theatererfahrungen sammelte er in der Theatergruppe einer Jugendstrafanstalt. Die Neigung zu abgründigen Rollen und sein wiederkehrender Impuls, auch den schlimmsten Verbrechern noch mit dem Privileg der Einsamkeit zu adeln, rühren vielleicht daher.

          Vom Sauerland über München nach Berlin

          Mit seiner distanzierten Dringlichkeit gelingt es diesem sehnigen, fast mageren Mann mit dem markant zugespitzten Gesicht, alle Schwere federleicht aussehen zu lassen und doch im entscheidenden Moment so grundlegend zusammenzubrechen, dass ihn nichts mehr hält. Den äußersten Triumph in diesem Spielsinn erreichte Selge 2016 mit seiner Hamburger Monologfassung von Houellebecqs Dystopieroman „Unterwerfung“, in der er – geklemmt in die kreuzförmige Öffnung einer schwarzen Wand – fast drei Stunden lang die moralische Verwahrlosung der Gegenwart mehr beschwor als erklärte. Ein Abend der physischen wie psychischen Kraftanstrengung, für die Selge zu Recht mit dem Deutschen Theaterpreis als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde.

          Ursprünglich studierte der im Sauerland geborene und im ostwestfälischen Herford aufgewachsene Selge Germanistik und – immerhin zehn Semester lang bei Ernesto Grassi – Philosophie in München, schloss eine Ausbildung am klassischen Klavier in Wien an, um dann doch die Künste zu wechseln und sich an der Otto-Falckenberg-Schule in München zum Schauspieler ausbilden zu lassen. Nach einem ersten Engagement am Berliner Schillertheater traf er an den Münchner Kammerspielen mit Dieter Dorn auf seinen wichtigsten Lehrmeister, der ihm – nach eigenem Bekunden – vor allem die Fähigkeit „innerer Genauigkeit“ beibrachte, „die bei allem situativen Spiel immer mitberücksichtigt, wer man eigentlich selber ist“.

          Als Selge sich Ende der achtziger Jahre stärker auf seine Karriere als Film- und vor allem Fernsehschauspieler konzentrierte, boten sich zunehmend weniger Möglichkeiten, diesen Vorsatz zu befolgen. Als biederer Banker in Helmut Dietls „Rossini“ hatte er inmitten all der lustmolchenden Lebeleute einen in Erinnerung bleibenden Aufritt mit dem Satz „Ich hab da ein gutes Gefühl“ (Betonung auf „gut“), in „Kir Royal“ bediente er hochmütig Mario Adorf in der Villa Medici. Von all den penetranten Nachbarn, Berliner Saunagängern und paranoiden Angsthasen, die Selge im Lauf seiner Filmkarriere spielte, bleibt seine Darstellung des einarmigen Kommissars Jürgen Tauber im bayrischen „Polizeiruf 110“ am deutlichsten präsent.

          Nur noch selten am Theater

          Seit 1985 ist Selge mit seiner Schauspielkollegin Franziska Walser verheiratet, mit der er immer wieder auch zusammenarbeitet. Ebenso wie mit seinem Sohn, Jakob Walser, der ebenfalls Schauspieler geworden ist. Zum Theater kehrt Edgar Selge inzwischen leider nur noch sporadisch zurück. Unter der Regie von Jan Bosse spielte er Faust (obwohl man ihn lieber als Mephistopheles gesehen hätte) und den Dorfrichter Adam. Was Selge eigentlich auszeichnet, wurde dabei nicht deutlich. Die Umsetzung von Dorns Diktum sollte unbedingt bald wieder auf der Bühne geschehen – die empfindsam eingebildete Krankheit an der Welt, die dieser Schauspieler in sich trägt, sie wartet dringend darauf, zum Ausbruch zu kommen. Heute wird der Seelenkopf Selge siebzig Jahre alt.

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