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Eclat-Festival Stuttgart : Hauptsache schick und schlau

Das Ensemble Ascolta und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart in „Frame“ von Malte Giesen. Bild: Martin Sigmund

Empathielosigkeit und Zynismus, die sich selbst feiern, sind beim Eclat-Festival für Neue Musik in Stuttgart zu erleben. Doch man trifft auch auf Zärtlichkeit, Formbewusstsein und Geist.

          4 Min.

          Man weiß gar nicht, ob die Szene der Neuen Musik wirklich eine so kranke Welt, so neidzerfressen und ideologisch vergiftet ist, oder ob es sich nur um einen spaßigen Empörungsexhibitionismus handelte – aber nach der Uraufführung von Stefan Kellers Stück „Persona“ für Tabla, Bass und Live-Elektronik beim Stuttgarter Eclat-Festival grölte doch jemand laut in den Saal: „Scharlatan! Frechheit!“

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Zu verstehen ist das für jemanden, der die Rudelgerüche in den Revieren kaum auseinanderhalten kann, nur schwer. Kellers Stück nämlich erschafft aus Klängen der Tablas, indischer Trommeln also, und der menschlichen Stimme eine echte Großform: stellt über eine halbe Stunde hinweg Kontraste, Entwicklungen, Höhepunkte, mithin einen Zusammenhang her, was in der Neuen Musik inzwischen eine Seltenheit ist. Dass Keller selbst als Tabla-Spieler zusammen mit dem Bass Andreas Fischer und dem Techniker Reinhold Braig sinnlich einlösen konnte, was sein Kommentar zum Stück verhieß, ist ebenfalls eine Rarität in der Szene, wo oft drei Druckseiten mit einem verbalisierten Konzept einem Klangergebnis von äußerster Dürftigkeit gegenüberstehen: Bei Keller kann das Schlagzeug singen und die Stimme trommeln, wechseln Vokalität und Perkussion zwischen beiden Parteien hin und her, maskieren sich also gegenseitig, was das griechische Wort „persona“ – also Maske – meint. Das mag für manche zwar nicht mehr originell sein, es ist aber für die hörende Erfahrung äußerst sinnfällig, auf seine Weise schön.

          Zum Problem der Neuen Musik, wie sie beim Eclat-Festival, das vor vierzig Jahren gegründet wurde, auch jetzt wieder gepflegt wurde, gehört eine Selbstbezüglichkeit des Vokabulars, das kaum eine kommunikative Brücke über die Grenzen des eigenen Betriebs zu schlagen vermag. Das Multimedia-Chor-Stück „Sinshome, oder: Die größte Kraft“ von Tim Schomacker und Christoph Ogiermann etwa lässt politische Agitation zur bloßen Pose gefrieren. Die Abkürzungen „KV“ und „Assos“ auf den Transparenten von Demonstranten gehören zur Geheimsprache der Mitmachbezugsgruppe und lassen das Publikum draußen. Klar, es geht irgendwie um die Zerstörung von Öffentlichkeit durch die Digitalisierung, auch um Transzendenzverlust und Euthanasie, aber all dies ohne Gedankenklarheit, ohne Witz, ohne ein Aushandeln gemeinsamer Verstehenshintergründe. Umso lärmender ist gleichwohl der politische Appell.

          Thomas Kessler hat sich mit „Avenidas“ von Eugen Gomringer ein Gedicht zur Vertonung ausgewählt, um das vor zwei Jahren anlässlich seiner Entfernung von der Hauswand der Berliner Salomon-Fachhochschule wegen eines nicht nachvollziehbaren Sexismus-Vorwurfes heftig diskutiert wurde; Ramon Laszko setzt sich in „Eine Ehrenpflicht“ mit einem erschütternden Text von Rosa Luxemburg über soziale Verelendung auseinander. Beide Komponisten jedoch benutzen mit der Zerlegung von Sprache in bloße Silben und Phoneme Verfahren, die keinerlei Empathie für den Text aufbringen. Es sind Verfahren, die sich über jeden beliebigen Text stülpen lassen und in ihrer technisch-ästhetischen Selbstgenügsamkeit allen politischen Anspruch verhöhnen – es sei denn, dass sie noch einmal mit Theodor W. Adorno das hermetische Sich-Verschließen des Kunstwerks vor dem totalen Verblendungszusammenhang der Kulturindustrie als Akt des politischen Widerstands feiern wollen. Das aber wäre ein suizidales Sich-Fügen in die Unwirksamkeit von Kunst.

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