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E-Mail-Flut : Per Mail nicht erreichbar - ein Selbstversuch

  • -Aktualisiert am

Nicht jedes verweigerte Mail wird gleich zum Brief. Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Alle klagen über E-Mails. Viel zu viele bekomme man, schrecklich sei das, jeden Morgen der Posteingang wieder voll. Aber man könne sich ja nicht wehren. Kann man nicht? Valentin Groebner hat seine Mailbox einen Monat lang ausgeschaltet - ein Erfahrungsbericht.

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          Alle klagen über E-Mails. Viel zu viele bekomme man, schrecklich sei das, jeden Morgen die Inbox wieder voll, und man werde in einen ineffizienten E-Mail-Junkie verwandelt, obwohl man gar keiner sei, ehrlich. Dabei sei das doch früher so schön gewesen und aufregend mit der ersten elektronischen Post, 1992 oder 93. Und man selber schreibe doch sehr gerne Briefe, das sei viel persönlicher, stimmt doch.

          Es ist der Job von Wissenschaftlern, herauszufinden, was um sie herum wirklich geschieht. Was passiert, wenn man per Mail nicht mehr erreichbar ist? Also meldete ich mich von allen mailing-Listen ab und installierte eine automatische Antwort: „Vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich führe zur Zeit eine Untersuchung zur Kommunikation per E-Mail durch. Mein account wird nicht gelesen. Wenn Sie wollen, dass mich Ihre Mitteilung erreicht, drucken Sie sie bitte aus und senden Sie sie an folgende Adresse. Für Dringendes bin ich unter dieser und jener Telefonnummer erreichbar. Vielen Dank.“

          Gereiztheit, Spannung, Unglauben

          Diese automatische Antwort war einen Monat lang in Betrieb, vom 1. bis 31. Oktober, und am Ende dieser Frist lagen in meinem elektronischen Briefkasten 478 E-Mails. Davon hatten siebenunddreißig ihre Nachricht ausgedruckt und mir per Post geschickt, und acht hatten angerufen, aber ich fürchte, meine Strichliste ist nicht ganz zuverlässig; auf ihr fehlen die Kollegen, die kurz ins Büro geschaut hatten, nicht ohne leisen Vorwurf: „Du liest ja keine Mails mehr, hast du gerade einen Moment Zeit?“

          So richtig viel Zeit hatte ich nicht, denn es gab erst einmal ein kleines Durcheinander. „Ich hatte Ihnen doch Bescheid gesagt, haben Sie das nicht erhalten?“ Mein reales Postfach wurde ab der zweiten Woche merklich voller als sonst, ich schrieb eine ganze Menge kurze Briefe und Postkarten (das war vergnüglich) und ärgerte mich über Leute, die man nicht ans Telefon bekam. Selbst erhielt ich ein paar gereizte Telefonanrufe und briefliche Kommentare („Für Freiberufler ohne Sekretärin bedeutet das, extra aufs Postamt zu gehen!“ - offenbar das schlimmste aller möglichen Schicksale) und eine etwas ungeduldige Nachfrage: „Wie lange wird das noch dauern?“

          Doch die überwiegende Mehrzahl der Reaktionen war amüsiert und eher positiv. „Bin gespannt aufs Resultat!“ stand handschriftlich auf mehreren ausgedruckten E-Mails. Ein boshafter Basler Kollege schickte mir seine zehn Zeilen per Einschreiben, und eine Bibliothekarin sandte mir den Ausdruck meiner automatischen Antwort zurück mit der Bemerkung: „Glaube ich nicht.“

          Was ging verloren?

          Ganz falsch lag die Dame nicht. Anfangs war es angenehm, selbst keine Mails mehr schreiben zu müssen, denn das war in dem Versuch ja impliziert. Ab der zweiten Woche wurde es lästig. Am Ende der dritten Woche dachte ich mir, dass ich selber eigentlich gerne E-Mails schreibe, und ein paar schickte ich dann auch los, in dringenden Fällen, alles Ausnahmen, sagte ich entschuldigend zu mir selbst. Am 31. Oktober war ich erleichtert, dass der Versuch vorbei war.

          Aber von wem stammten die 430 oder 440 E-Mails in meinem elektronischen Briefkasten, von denen ich in diesem Monat nichts gehört oder gelesen hatte? Dass ich keine Briefpost von den Online-Kasinos bekommen würde, die es durch den Spam-Filter geschafft hatten („Klick Dich reich!“) und von Internetapotheken mit den Superangeboten, das hatte ich mir schon gedacht. Bei Herrn Bruno Amani aus Belgien, der mir fünf Millionen Euro vermachen wollte, ist das vielleicht auch sehr schade. Andererseits kann ich mir das wohl leisten: Rein elektronisch hatte ich in diesem Monat dreimal den Hauptpreis einer europäischen Lotterie gewonnen.

          Unverdrossen schickt man weiter

          Auch die renommierten, aber sehr großzügigen US-Universitäten in meiner Mailbox („Get the Degree You Deserve!“) ließen meine Bitte um Echtpost unbeantwortet. Aber ebenso wenig beeindruckt waren sehr viel vertrautere Institutionen, die mir per Mail weiterhin unverdrossen elektronische Einladungen zu Veranstaltungen zuschickten - Vorträge, Ausstellungseröffnungen, Tagungen. Nur digitale, aber keine ausgedruckten Mitteilungen kamen auch von honorigen deutschen und Schweizer Forschungsinstituten, Bibliotheken und Universitäten, und, nicht unkomisch, von einem sehr, sehr emsigen Sonderforschungsbereich in Sachen Medialität.

          Alles sehr verständlich, dachte ich mir, die haben anderes zu tun, als ihr Zeug auszudrucken und extra an mich zu schicken. Dabei war leider auch eine Einladung zu einem Geburtstagsfest, auf das ich gerne gegangen wäre. Und ebenfalls nicht den „Drucken“-Befehl betätigt haben die Kolleginnen und Kollegen, die mir Kopien ihrer E-Mails an andere Kollegen geschickt hatten, obwohl sie erfahren hatten, dass ich sie nicht zu Gesicht bekommen würde . . .

          Kapitalistischer Drill

          Die amerikanische Zeitschrift „n+1“ hat letztes Jahr frohgemut verkündet, das System E-Mail sei die perfekte Verkörperung des Kapitalismus neuer Prägung. In seiner vermeintlichen Bequemlichkeit und Spontaneität stecke permanenter, intensiver Drill: Mach, was du willst, aber bleibe vor deinem Computer sitzen. E-Mail ist deswegen eine so erbarmungslose Textsorte, weil sie ihren Adressaten immer schon erreicht hat, ganz egal, was er tut und wo er ist. Deswegen genießen wir es selbst so sehr, E-Mails zu schreiben und loszuschicken. Denn beides ist mit einem vagen Gefühl von „erledigt!“ verbunden, das befriedigend ist, weil sonst im Arbeitsalltag eher selten. Und deswegen ist es so unbefriedigend, dauernd E-Mails zu bekommen. Denn man muss irgendetwas mit ihnen tun - sie löschen, wegsortieren, beantworten oder doch irgendwie im Kopf behalten.

          Muss man wirklich? Da war der Versuch eindeutig, trotz kleiner Unbequemlichkeiten: Man muss nicht. Offensichtlich hat jeder E-Mail-Schreiber die Vorstellung, er sei der Einzige, der etwas Wichtiges mitzuteilen habe, leicht und schnell und informell. Kluge Institutionen werden in Zukunft deshalb wohl besser keine Veranstaltungsankündigungen mehr auf diese Weise verschicken. Sie verwandeln sich dadurch nämlich, ob sie wollen oder nicht, in die Zwillingsbrüder nigerianischer Anlageberater. Und eigentlich wissen das die Verantwortlichen auch - morgens, wenn sie in ihre eigene Inbox schauen.

          Alle klagen über E-Mails. Denn niemand will sie lesen. Aber jeder will welche schreiben. Und zwar viele. Und dann, vermute ich, sich über die Antworten beschweren.

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