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E-Mail-Flut : Per Mail nicht erreichbar - ein Selbstversuch

  • -Aktualisiert am

Aber von wem stammten die 430 oder 440 E-Mails in meinem elektronischen Briefkasten, von denen ich in diesem Monat nichts gehört oder gelesen hatte? Dass ich keine Briefpost von den Online-Kasinos bekommen würde, die es durch den Spam-Filter geschafft hatten („Klick Dich reich!“) und von Internetapotheken mit den Superangeboten, das hatte ich mir schon gedacht. Bei Herrn Bruno Amani aus Belgien, der mir fünf Millionen Euro vermachen wollte, ist das vielleicht auch sehr schade. Andererseits kann ich mir das wohl leisten: Rein elektronisch hatte ich in diesem Monat dreimal den Hauptpreis einer europäischen Lotterie gewonnen.

Unverdrossen schickt man weiter

Auch die renommierten, aber sehr großzügigen US-Universitäten in meiner Mailbox („Get the Degree You Deserve!“) ließen meine Bitte um Echtpost unbeantwortet. Aber ebenso wenig beeindruckt waren sehr viel vertrautere Institutionen, die mir per Mail weiterhin unverdrossen elektronische Einladungen zu Veranstaltungen zuschickten - Vorträge, Ausstellungseröffnungen, Tagungen. Nur digitale, aber keine ausgedruckten Mitteilungen kamen auch von honorigen deutschen und Schweizer Forschungsinstituten, Bibliotheken und Universitäten, und, nicht unkomisch, von einem sehr, sehr emsigen Sonderforschungsbereich in Sachen Medialität.

Alles sehr verständlich, dachte ich mir, die haben anderes zu tun, als ihr Zeug auszudrucken und extra an mich zu schicken. Dabei war leider auch eine Einladung zu einem Geburtstagsfest, auf das ich gerne gegangen wäre. Und ebenfalls nicht den „Drucken“-Befehl betätigt haben die Kolleginnen und Kollegen, die mir Kopien ihrer E-Mails an andere Kollegen geschickt hatten, obwohl sie erfahren hatten, dass ich sie nicht zu Gesicht bekommen würde . . .

Kapitalistischer Drill

Die amerikanische Zeitschrift „n+1“ hat letztes Jahr frohgemut verkündet, das System E-Mail sei die perfekte Verkörperung des Kapitalismus neuer Prägung. In seiner vermeintlichen Bequemlichkeit und Spontaneität stecke permanenter, intensiver Drill: Mach, was du willst, aber bleibe vor deinem Computer sitzen. E-Mail ist deswegen eine so erbarmungslose Textsorte, weil sie ihren Adressaten immer schon erreicht hat, ganz egal, was er tut und wo er ist. Deswegen genießen wir es selbst so sehr, E-Mails zu schreiben und loszuschicken. Denn beides ist mit einem vagen Gefühl von „erledigt!“ verbunden, das befriedigend ist, weil sonst im Arbeitsalltag eher selten. Und deswegen ist es so unbefriedigend, dauernd E-Mails zu bekommen. Denn man muss irgendetwas mit ihnen tun - sie löschen, wegsortieren, beantworten oder doch irgendwie im Kopf behalten.

Muss man wirklich? Da war der Versuch eindeutig, trotz kleiner Unbequemlichkeiten: Man muss nicht. Offensichtlich hat jeder E-Mail-Schreiber die Vorstellung, er sei der Einzige, der etwas Wichtiges mitzuteilen habe, leicht und schnell und informell. Kluge Institutionen werden in Zukunft deshalb wohl besser keine Veranstaltungsankündigungen mehr auf diese Weise verschicken. Sie verwandeln sich dadurch nämlich, ob sie wollen oder nicht, in die Zwillingsbrüder nigerianischer Anlageberater. Und eigentlich wissen das die Verantwortlichen auch - morgens, wenn sie in ihre eigene Inbox schauen.

Alle klagen über E-Mails. Denn niemand will sie lesen. Aber jeder will welche schreiben. Und zwar viele. Und dann, vermute ich, sich über die Antworten beschweren.

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