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E-Call-System : Das Ende des Autos naht

  • -Aktualisiert am

So wird das E-Call-System aussehen - selbst den Bedienfinger braucht es nicht Bild: dpa

Die Sicherheitsexperten der EU feiern es als großen Durchbruch: Vom kommenden Jahr an werden Neufahrzeuge mit dem E-Call-System ausgestattet, das Unfälle automatisch an die Notrufnummer 112 meldet. Ist das gut oder entmündigt es uns?

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          Vom kommenden Jahr an sollen alle Neufahrzeuge mit einem sogenannten E-Call-System ausgestattet werden, das einen Verkehrsunfall automatisch an die Notrufnummer 112 melden und einige Fragen beantworten kann: Wie viele Menschen befinden sich im Auto? Wie stark war der Aufprall? Die Sicherheitsexperten der Europäischen Union feiern das als Durchbruch, um die Zahl der Verkehrstoten zu senken, und erklären Datenschützer zu Hysterikern mit mangelnden technischen Kenntnissen: E-Call werde schließlich überhaupt nur im Fall eines Unfalls aktiviert und könne deswegen auch keine personenbezogenen Daten irgendwohin senden.

          Das stimmt - bloß ist die Frage, ob es auch so bleibt. Denn wenn, wie es vorgestern englische Versicherer gemeinsam forderten, E-Call verpflichtend auch in älteren Fahrzeugen nachgerüstet werden sollte, dann wären alle Autos im Straßenverkehr mit einer Technik ausgerüstet, die es im Fall einer Gesetzesänderung erlauben würde, jederzeit auf alle Fahrzeugdaten aller Verkehrsteilnehmer zuzugreifen.

          Der Versichererverband Insurance Europe plädiert schon heute dafür, Versicherungsunternehmen Zugriff auf E-Call-Daten ihrer Kunden zu geben. Allein das Wissen, dass man jederzeit überwacht wird, könnte für ein vorsichtigeres Fahrverhalten sorgen, argumentieren deutsche Polizeivertreter. Sollte der Gesetzgeber diesem Argument folgen, könnte die „Schläferfunktion“ von E-Call ohne Probleme aufgehoben werden - und die sicherheitspolitische Verkehrsvision reicht weiter: Die Europäische Union fördert die Entwicklung von Steuerprogrammen, die die Daten fahrender Autos abgleichen und so Kollisionen vermeiden können. Eines Tages könnten miteinander verbundene Systeme die Steuerung der Fahrzeuge übernehmen.

          Wir fahren mit dem Rücken zur Windschutzscheibe

          Der Autobauer Rinspeed hat ein solches Auto gerade vorgestellt: Die Fahrgäste sitzen mit dem Rücken zur Windschutzscheibe und schauen sich Filme an. Man kann dieses lenkradlose Vehikel ruhig als eine Metapher für eine Gesellschaft sehen, in der Sicherheit und Komfort Selbstbestimmung und Freiheit als höchste Lebensziele abgelöst haben. Mag sein, dass, wenn keiner mehr selbst steuert, die Zahl der Unfälle dramatisch sinken würde (solange der zentrale Steuerungscomputer nicht abstürzt).

          Aber in der Logik dieser Vision des autonom fahrenden Autos müsste man auch die politische Wahlentscheidung an Automaten delegieren, die aufgrund einiger Informationen über die inhaltlichen Prioritäten des Wählers automatisch und fehlerfrei den geeigneten Kandidaten für ihn wählen. Auch den Einkauf von Nahrungsmitteln sollte man dann zur Vermeidung von Erkrankungen, die Gesellschaft und Versicherer teuer zu stehen kommen können, an einen datenbasierten Service delegieren, der aufgrund von Kenntnissen über Gewicht, Blutzuckerspiegel und Bewegungsgewohnheiten des Kunden seine ideale Ernährung konfiguriert.

          Und am Ende werden die Versicherungskunden vor lauter Todes- und Risikovermeidung ums Leben kommen, ganz ohne es zu merken.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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