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Durs Grünbein zum Fall Grass : Er ist ein Prediger mit dem Holzhammer

  • -Aktualisiert am

Hält Grass mangelndes Einfühlungsvermögen vor: Der Schriftsteller und Büchner-Preisträger Durs Grünbein Bild: Fricke, Helmut

Der Schriftsteller Durs Grünbein wirft Günter Grass anlässlich seines Israel-Gedichtes Gefühlsblindheit vor und beschuldigt ihn des grobschlächtigen Moralismus.

          3 Min.

          Das Grass-Pamphlet ist eine so krasse historische Dummheit, dass mir die Worte fehlen. Wenigstens im Gedicht lässt sich darauf schwerlich erwidern, Gedichte sind keine Leitartikel. Auch wenn der allgemeine Zynismus dieser Kunstform gegenüber mittlerweile auch dies für denkbar hält.

          Offenbar hat Günter Grass das Problem und Paradoxon des Judenstaats Israel nie verstanden. Man spürt den Widerwillen und wundert sich über die mangelnde Einfühlungsgabe, die für einen Romancier unverzeihlich ist. Ich könnte nun die Anekdote erzählen, wie ich ihn einmal, an einem Abend in Dänemark, zum Auftritt Paul Celans vor der Gruppe 47 befragte. Verblüfft war ich, dass er auch fünfzig Jahre danach noch immer keinen Funken Verständnis für Celans Kälteschock unter den rechtschaffenen deutschen Schriftstellern aufbringen konnte. Er hielt an dem Mythos von der isolierten Dichterfigur und ihrem unmöglichen Pathos im Vortragsstil fest. Kein Wort über die Furcht des Hypersensiblen, den die Atmosphäre eines Kameradschaftstreffens und der muntere Landser-Ton dieser Realisten verstörten. Damals begriff ich, dass unser Autor wenig Sinn für die realen Ängste der anderen hat.

          Angst um sich und die Seinen?

          Daher auch seine Ästhetik der unverschämten Satire, die derbe Manier, die von manchem Literaturgenießer mit barockem Formwillen verwechselt wird. Es ist bei ihm stets eine gewisse Gefühlsblindheit im Spiel. Er predigt gern mit dem Holzhammer. Man kann einen solchen grobschlächtigen Moralismus nicht in Versen parieren.

          Die äußere Form seiner Verlautbarung zum aktuellen „Nahostkonflikt“ ist die Brechtsche Diatribe: eine Rede im volkstümlichen Ton, zum Zweck der politischen Belehrung verfasst. Das Argumentationsmuster erinnert von fern an die dialektischen Gedankenspiele des Marxisten Brecht, nur verfehlt es gerade dessen Pointe des listigen Sowohl-als-auch. Es ist auf die Einseitigkeit seiner Aussage hingewiesen worden. Israel erscheint darin als der hässliche Atomwaffenstaat, der in der Region immer nur Unfrieden sät.

          Man muss davon ausgehen, dass er der historischen Existenzangst der Juden tatsächlich nie auf den Grund gegangen ist. Nur so lässt sich das völlige Ausblenden der israelischen Gründungsproblematik, die staatgewordene Überlebensstrategie einer durch die ganze Welt vertriebenen Religionsgemeinschaft, die nur dank ihrer Wehrhaftigkeit überhaupt noch existiert, erklären. Oder sollte ihn etwa eine ganz eigene Sorge umgetrieben haben: die vor der deutschen Verstrickung in einen zunehmend interessenfernen Konflikt? Hatte er, der Kriegserfahrene, Angst um sich und die Seinen für den nun fast schon vorstellbaren Fall der Fälle? Dem, immerhin, ließe sich im Gedankenspiel folgen. Wohin der Gedanke führt, kann man sich bei der heimlichen Stimmung im Land ausmalen.

          Von hoher Warte Ansprüche an die Gesellschaft

          Politisch zu Ende gedacht, hieße das die Aufkündigung der Solidarität mit Israel. Noch ist sie Staatsräson - aber würde sich deutsche Außenpolitik nach den jüngsten Umfragen richten, könnte das alte Blatt sich eines Tages noch wenden. Einer Schlussfolgerung wie dieser versucht der Pamphletist zuvorzukommen mit der Floskel, er sei mit dem Land Israel „verbunden“. Woran liegt es, dass mich bei diesem Wort ein Frösteln überkommt? Es erinnert mich an die Bekundungen brüderlicher Verbundenheit unter den latent verfeindeten Führern der ehemaligen Ostblockstaaten. Aber die Welt wird nicht einfacher, wenn eine Mehrheit der Deutschen Israel die Unterstützung versagt und sich zur Geisel macht einer panarabischen Spielart von Großmachtpolitik.

          Es ist ein Missverständnis, dass Grass als Dichter gilt, nur weil er von früh an Verse schrieb und manchmal stoßweise Sonette. Ein Dichter ist niemand, der von hoher Warte aus Ansprüche an die Gesellschaft stellt. Er will von den andern nichts, was er nicht auch von sich selbst verlangen würde - zum Beispiel Aufrichtigkeit, strengste Selbstprüfung. In Kafkas Briefen findet sich eine Stelle, die den großen Erforscher der menschlichen Ängste im Affekt gegen einen literarischen Konkurrenten zeigt - ein seltenes Beispiel von Ausfälligkeit in seinem Werk. Man ahnt, wie viel zusammenkommen musste, wenn man den Stoßseufzer liest, zu dem er sich hinreißen ließ. Mancher hat von der unausstehlichen Art der Dichterdiva Else Lasker-Schüler berichtet. Aber nur Kafka macht seinem Unmut mit den Worten Luft: „Weg du, Else Lasker-Schüler!“ Das würde man den vom Thema hypnotisierten Zeitungsleser und Fernsehzuschauer in diesem Fall gern einmal zurufen: „Weg du, Günter Grass!“

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