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Gentechnik-Weltgipfel : Dunkle Macht im Genlabor

Künstliche Rattenpfote im Forscherlabor Bild: dpa

Die neuen Genwerkzeuge haben das Potential, die natürliche Evolution in andere Bahnen zu lenken. Doch darf das Genom des Menschen mit „Gen-Editing“ manipuliert werden oder eben nicht?

          Wäre die Welt eine bessere, wenn die Menschheit mit einem Schlag Krebs besiegen und Demenz für alle Zeiten auslöschen könnte? Wäre sie es auch, wenn man mit derselben Methode, einem hochpräzisen Schnitt ins Erbgut, dem Chirurgen absolute Perfektion schenken und dem Busfahrer größte Konzentrationsfähigkeit beim Fahren ermöglichen könnte? Oder wenn wir so verhindern könnten, dass junge Leute empfänglich wären für die Indoktrinationen von Hasspredigern? Wäre die Welt auch dann noch gut, wenn mit Verweis auf ebensolche Eingriffe ein Paar vor der Zeugung ihres Kindes eine Wunschliste ausfüllen darf, in der die Eliminierung etwaiger Defizite versprochen wird - wenn schon Elternsein zu einer intellektuellen Herausforderung für jeden wird?

          Jeder spürt bei der Lektüre solcher Fragen die inneren Konflikte und die Schwierigkeiten, durchgängig mit Ja oder Nein zu antworten. Es sind Fragen, die wir am liebsten unbeantwortet ließen, weil sie uns hypothetisch und wie moralische Fallenstellerei vorkommen, wie Szenen aus der Science-Fiction-Literatur. Die Wahrheit ist: Wir müssen uns wohl oder übel mit solchen und noch sehr viel komplexeren Fragen beschäftigen, ernsthafter denn je. Jetzt.

          Der Grund dafür ist jedem klargeworden, der in den vergangenen Tagen den „Weltgipfel“ der Gentechnik in Washington verfolgt hat, in Echtzeit übertragen im Internet. Man sah dort herausragende Wissenschaftler, die sich nicht mehr nur Biologen oder Mediziner nennen, sondern Systemmediziner und synthetische Biologen. Man sah aber auch Ethiker, Juristen und Soziologen, die sich etwas ratlos an der einen zentralen Frage abmühten: Darf das Genom des Menschen mit „Gen-Editing“ manipuliert werden oder eben nicht?

          Neues Design des Lebens

          Gen-Editing, oft auch als Genom-Editing bezeichnet, weil man damit quasi an mehreren Stellen in das Erbgut eingreifen kann, ist eine Revolution. Für die Medizin, für die Landwirtschaft, für das Leben schlechthin. Ein Märchen aus der Sicht des Forschers. So viel in so kurzer Zeit hat man noch nie über Lebens- und Krankheitsprozesse erfahren können. In den Augen derer allerdings, die seit vielen Jahren vor dem gezielten Eingriff in die Schöpfung warnen, ein Albtraum.

          Denn mit dieser Technik ist es im Prinzip möglich geworden, das Leben neu zu designen. Körperzellen, Keimzellen, praktisch alles, was von den Genen gesteuert wird, ist manipulierbar geworden. Auch Bakterien. In Bakterien haben Genforscher vor ein paar Jahren jenes Präzisionsinstrument namens „Crispr/Cas9“ entdeckt, das die Immunabwehr der Bakterien gegen Viren bildet. Kaum drei Jahre später wurde es schon in chinesischen Laboren dazu verwendet, Embryonen in der Petrischale genetisch zu verändern.

          Es ist nicht der übliche biomedizinische Fortschritt, der hier am Werk ist. Es geht um einen qualitativen Sprung, um eine neue Dimension der Gentechnik. Die alten Gen-Scheren sind vergleichbar aufwendig, teuer, unpräzise und riskant, weil sie oft an unerwünschten Stellen eingreifen. Die neuen Editierwerkzeuge arbeiten rasierklingenscharf, sie lassen sich programmieren wie Rechner und wie Robodocs im Zellkern verwenden.

          Unverbindliche Selbstbescheidung

          Mit denselben Instrumenten lassen sich die Gene aber auch ganz sachte ein- und ausschalten, ohne Schnitt ins Erbgut. Und zu alledem sind sie so leicht zu bedienen, dass sie inzwischen fast schon in jedem Genlabor angewendet werden und Amateure in amerikanischen Garagenfirmen für hundert Doller Experimentiersets feilbieten.

          Google und der Saatguthersteller DuPont, auch die Gates-Stiftung haben schon Hunderte Millionen in Gentech-Start-ups investiert. All das macht deutlich, weshalb Wissenschaftsakademien unmittelbar nach Bekanntwerden der chinesischen Embryonenversuche vor ein paar Monaten ein Moratorium forderten. Vieles, aber längst nicht alles weiß man über die Sicherheit und Folgen des Gen-Editings, geschweige denn über die gesellschaftlichen Konsequenzen.

          Der Weltgipfel der Gentechnik, ausgerichtet von den amerikanischen, britischen und chinesischen Nationalakademien, hat uns in der Hinsicht nicht viel weiter gebracht. Er sollte wohl vertrauensbildend wirken. Wenigstens im Hinblick auf die nun möglichen Genveränderungen in Ei- und Samenzelle und Embryonen hätte man deshalb ein vernehmliches, klares Bis-hierher-und-nicht-Weiter erwarten dürfen. Herausgekommen ist aber eine unverbindliche, abwartende und vorläufige Selbstbescheidung, mit genveränderten Keimbahnzellen nur in Forschungsprojekten und nicht etwa in der Fortpflanzungsmedizin zu arbeiten. Alles andere als ein klares Nein. Tabus werden vermieden, die Grenzen verschwimmen weiter.

          Stattdessen überstrahlt die wissenschaftliche Euphorie derzeit alles. Schwere Gendefekte heilen zu können, kurzfristig jedenfalls bei Aids- oder Erbkranken, als medizinischer Segensbringer zu wirken und Ruhm zu ernten - all das lässt die Wissenschaftler mitunter vergessen, womit ihnen literarisch seit Generationen ins Gewissen geredet wird: dass in ihnen auch das Wesen einer dunklen Macht angelegt ist. Tritt es zutage, ist es aus mit dem Vertrauen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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