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„Dunkirk“ : Wo sind nur all die sozialdemokratischen Werte hin?

  • -Aktualisiert am

Inszenierung eines nationalen Epos: Eine Szene aus Christopher Nolans „Dunkirk“. Bild: Melinda Sue Gordon

Der Film zur Lage der Nation: Christopher Nolan versorgt in „Dunkirk“ die britische Nation mit mythischem Stoff - das gilt sowohl für Befürworter als auch für Gegner des Brexit.

          Filme haben eine lange Anlaufzeit zwischen Konzeption und Kinostart. Dennoch vermögen sie mitunter die Launen eines Augenblicks zu erfassen, wie das jetzt mit Christopher Nolans „Dünkirchen“ geschehen ist. Der Film, der die Evakuierung von rund 340.000 eingekesselten alliierten Soldaten in den Tagen zwischen dem 26. Mai und dem 4. Juni 1940 aus drei verschiedenen Perspektiven – Land, See und Luft – und drei verschiedenen Zeitrahmen – eine Woche, einen Tag und eine Stunde – darstellt, behandelt ein Ereignis, das in die nationale DNA eingewoben sei: Dünkirchen sitze einem als Briten in den Knochen, sagt Nolan. Seine Darstellung der Rettungsaktion trifft den Nerv in einer Zeit, in der das Abenteuer des Brexits und die interne politische Lage zur Introspektion anregen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der „Geist von Dünkirchen“ ist in Britannien ein oftmals beschworenes Synonym geworden für gemeinsames Durchhalten gegen alle Widrigkeiten, nicht zuletzt wegen der improvisierten Flottille aus Fischkuttern, Jachten, Segelbooten und Raddampfern, die für den Einsatz requiriert wurden. Im Volksbewusstsein verkörpert die Operation die Widerstandskraft der ganz auf sich gestellten Inselnation, patriotische Opferbereitschaft, nationalen Zusammenhalt und jenes Pathos des tapferen Einsatzes der wenigen gegen die vielen, das bereits durch Shakespeares „Heinrich V.“ mit dem Kampfgeist eines beglückten Häufleins Brüder im Angesicht der französischen Übermacht bei Azincourt Bestandteil der nationalen Mythologie geworden ist.

          EU-Gegner rühmen die „splendid isolation“

          In Zeiten der Not greifen britische Politiker und Medien gern auf den Geist von Dünkirchen zurück. So geschah es bei der Pfundkrise 1964, als der Labour-Premierminister Harold Wilson am Beispiel von Dünkirchen argumentierte: wie „unsere Geschichte zeigt, dass diejenigen uns verkennen, die unsere Fähigkeit unterschätzen, als Nation zu agieren und entschieden zu agieren, wenn erforderlich“. Knapp zehn Jahre später versuchte Edward Heath denselben Geist zu mobilisieren, als er sich wegen des Bergarbeiterstreiks gezwungen sah, die Drei-Tage-Woche einzuführen, um Strom zu sparen.

          Der ewige Refrain wird in der Brexit-Auseinandersetzung mit neuerlicher Emphase bemüht. Im Februar versicherte eine konservative Staatsministerin, der „Geist von Dünkirchen“ werde dafür sorgen, dass Britannien außerhalb der Europäischen Union gedeihe. Für die Brexit-Kampagne hat die berühmte, wenige Tage nach Dünkirchen veröffentlichte Karikatur „Very well, alone“ mit dem heroischen englischen Soldaten, der vor aufgewühltem Meer auf dem Felsen steht und den feindlichen Fliegern mit der Faust droht, denn auch beinahe emblematischen Charakter. Während EU-Gegner unter Berufung auf dieses Bild die „splendid isolation“ rühmen, beklagt die Gegenseite das Trugbild, wonach das Vereinigte Königreich tapfer allein bestehen könne, wie zu Beginn des Zweiten Weltkrieges.

          Aus kläglichen Fehlgriffen werden bravouröse Epen

          Wie die Historikerin Penny Summerfield vor einigen Jahren in einem Aufsatz über Dünkirchen und die populäre britische Kriegserinnerungskultur nachgewiesen hat, basiert der Mythos auf unterschiedlichen Deutungen der Operation. Diese haben sich bereits in den ersten Stunden nach dem „Wunder der Erlösung“ herauskristallisiert, als das Winston Churchill die Operation in seiner großen „Wir werden uns nie ergeben“-Rede vom 4. Juni 1940 würdigte. Sein rhetorisches Vermögen hat zweifellos zu der für die Kampfmoral entscheidenden Wahrnehmung beigetragen, dass ein nationaler Sieg den Klauen der Niederlage entrissen worden sei.

          Churchill führte das Wunder vor allem auf den heroischen Einsatz der Streitkräfte zurück. Dieser Offizierssicht setzte der sozial engagierte Dramatiker J.B.Priestley am nächsten Tag in einem BBC-Kommentar ein nicht weniger pathetisches Bild entgegen, das den Akzent auf den Beitrag des kleinen Mannes setzte. Priestley sah die Evakuierung in ihrer „Torheit und ihrer Größe“ als Beispiel der seltsamen Gewohnheit, die sich „durch unsere ganze Geschichte“ ziehe, klägliche Fehlgriffe in bravouröse Epen zu verwandeln. Als besonders englisch mutete ihn nicht die Rolle der Kriegsschiffe, sondern die der kleinen verspielten Vergnügungsdampfer an, „die einen Ausflug in die Hölle gemacht haben und ruhmvoll zurückgekehrt sind“. Priestley wollte die Stimmung der Zivilbevölkerung heben, indem er ihnen klarmachte, dass sie sich für eine bessere Weltordnung aufopferten, eine Weltordnung, die nach seiner Auffassung auf den sozialdemokratischen Werten einer egalitären Zivilgesellschaft basieren müsse. Seine Vorstellungen fanden Niederschlag in den Grundsätzen des Wohlfahrtsstaates, die noch während des Krieges formuliert wurden.

          Christopher Nolans Deutung von Dünkirchen als einem zugleich unheroischen und heldenhaften Überlebenskampf, bei dem Begriffe von Heimat und Gemeinschaft in den Vordergrund rücken, ist geprägt von dem wachsenden Empfinden, dass diese kollektiven Werte dem Individualismus der Thatcher-Jahre zum Opfer gefallen sind. Dieses Empfinden erklärt die Beliebtheit von Jeremy Corbyn ebenso wie die Erschütterung über den Londoner Hochhausbrand, den der Schriftsteller Philip Pullman als moralische Fabel unserer Zeit bezeichnet hat. Das gilt in gewisser Hinsicht auch für Nolans Film.

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