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Düsseldorfer Namensgebung : Mannesmannhaft

Richard von Weizsäcker hat hier nie gearbeitet: das Mannesmann-Hochhaus in Düsseldorf Bild: dpa

Ein Wahrzeichen Düsseldorfs sollte den Namen eines ehemaligen Bundes-, der Flughafen dafür den eines ehemaligen Ministerpräsidenten bekommen: eine Rechnung, die Land und Stadt zwar mit den Witwen, aber ohne die Bürgerschaft gemacht hatten.

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          Schreibtisch des Ruhrgebiets, längste Theke der Welt, „C’est petit Paris“, Mode- und Werbehauptstadt – die öffentliche Wahrnehmung Düsseldorfs und seiner Altstadt ist auffallend gemischt. Nur eines kommt nie vor: der Industriestandort. Dabei sind hier Straßen nach Lueg, Poensgen, Henkel oder Mannesmann benannt, großen Unternehmen verdankt die Stadt architektonische Wahrzeichen: Das Mannesmann-Hochhaus von Paul Schneider-Esleben (1958) und die erste Konzernzentrale von Peter Behrens (1911) prägen die Rheinsilhouette, und das Dreischeibenhaus der Phoenix-Rheinrohr AG von Hentrich & Petschnigg (1960), das 1964 zum Thyssen-Hochhaus wurde, setzte das Ausrufezeichen des Wirtschaftswunders.

          Mannesmann, Erfinder nahtloser Stahlrohre, war lange der größte Arbeitgeber der Stadt und ist seit der Jahrtausendwende, als das Unternehmen in einer spektakulären Übernahmeschlacht von Vodafone geschluckt und zerschlagen wurde, Geschichte. Die aber ist in Düsseldorf bis heute lebendig, wie der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin, der seit dem Auszug von Vodafone im Mannesmann-Hochhaus residiert, gerade erfahren musste.

          Wahrnehmung gerade im Verlust

          In einem diskret eingefädelten Tauschgeschäft hatten sich Duin, der aus Niedersachsen stammt, und Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel, ein gebürtiger Schwabe, darauf verständigt, das Mannesmann-Hochhaus in Richard-von-Weizsäcker-Haus umzutaufen. Was sich als Würdigung des ehemaligen Bundespräsidenten ausgab, der acht Jahre bei Mannesmann, davon die letzten fünf – vor der Fertigstellung des Hauses! – in Düsseldorf, gearbeitet hatte, erwies sich als durchsichtiges Manöver. Buhlten die beiden Sozialdemokraten damit doch um die Zustimmung der Opposition, dem Düsseldorfer Flughafen den Namen „Johannes Rau“ zu geben, um mit Köln (Adenauer), München (Strauß), Berlin (Brandt) und demnächst Hamburg (Helmut Schmidt) gleichzuziehen.

          Der Kuhhandel von Ministerpräsidentin Hannelore Krafts Gnaden, der Geschichtspolitik als Etikettenschwindel betreibt, hatte die Rechnung zwar mit den Witwen, aber ohne die Düsseldorfer Bürgerschaft gemacht. In unerwarteter Vehemenz und selbstbewusster Eindeutigkeit lehnt sie die Namensänderung ab und demonstriert ihre Verbundenheit mit einem Unternehmen, das Industriegeschichte geschrieben und den Namen der Stadt in die Welt getragen hat.

          Ein Leserforum, das die „Rheinische Post“ dazu einrichten wollte, kam nicht zustande, weil sich niemand fand, der die Umbenennung befürwortete. Nachdem ThyssenKrupp die Konzernzentrale nach Essen verlegt hat und Eon in diesem Jahr nachzieht, wird die Bedeutung der Industrie für die Stadt gerade im Verlust wahrgenommen. Aber Mannesmann steht jetzt auch dafür, dass Düsseldorf, wenn es denn sein muss, alle Klischees über sich auf einmal widerlegt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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