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Andreas Rossmann (aro.)

Partnerstadt für Düsseldorf : Palermo Looting

Erhofft sich Düsseldorf durch die Städtepartnerschaft mit Palermo ein wenig Südseeflair? Immerhin die Aussicht spricht für die Stadt. Bild: Claudius Seidl

Die Diva am Rhein und die Grande Dame Siziliens: Mehr Gegenteil lässt sich nicht so leicht finden. Und doch sind Düsseldorf und Palermo gerade eine Städtepartnerschaft eingegangen. Eine Mesalliance?

          2 Min.

          Es klingt fast so, als hätte Wim Wenders, wenn nicht das Drehbuch geschrieben, so doch die Vorlage gegeben. Sein Film „Palermo Shooting“ erzählt von dem erfolgreichen Düsseldorfer Modefotografen Finn, gespielt von Campino, der nach einem Fast-Frontalzusammenstoß im offenen Cabrio alles hinter sich lässt, den hektischen Job, das schicke Designer-Loft, den teuren Sportwagen, den Vermögensberater, die tollen Frauen, und – der Name eines Rheinkahns bringt ihn darauf! – nach Palermo fliegt. In eine andere Welt, in der er sich treibenlässt und den Halt verliert und ihm, in verschiedenen Erscheinungen, der Tod über den Weg läuft.

          Denn welche Stadt könnte von der prosperierenden, oberflächlich eleganten, immer top gestylten Diva am Rhein mit Kö-Laufsteg und längster Theke der Welt verschiedener sein als die angeschlagene, halbversunkene Grande Dame Siziliens, die, verlottert und prächtig, als Inkarnation von Korruption und Chaos gilt und ihre besten Zeiten, unter den Arabern sowie dem Stauferkönig Friedrich II., hatte, als Düsseldorf noch nicht einmal, das geschah anno 1288, geboren war?

          Die Flucht in eine fremde Welt

          Mehr Gegenteil lässt sich, zumindest in Europa, nicht so leicht finden. Und doch sind die so ungleichen, dabei ähnlich großen Kommunen gerade eine Städtepartnerschaft eingegangen! Eine Mesalliance? „Wenn, dann wäre Duisburg doch viel passender gewesen“, lassen sich Spötter in Palermo vernehmen. Aber womöglich steckt mehr dahinter und in dem Abkommen, das durch die Freundschaft zwischen den Oberbürgermeistern, der Anti-Mafia-Ikone Leoluca Orlando und dem Sozialdemokraten Thomas Geisel, zustande kam, die Chance für einen Austausch, der über die üblichen Kontakte, Freundlichkeiten und Akteure (Schulklassen, Sportvereine) hinausgeht.

          Vor allem „in der Integration von und im Umgang mit Flüchtlingen“ könnten beide Städte, so heißt es, „viel voneinander lernen“, und die ersten Kooperationsprojekte sind im Kulturbereich bereits angeschoben. Die Flucht in eine fremde Welt, die Wenders’ Fotograf Finn antrat, wird Programm und Düsseldorf in den Cantieri Culturali alla Zisa, einem aufgegebenen Industriequartier, in dem sich Kunst- und Filmschulen, Ateliers und kulturelle Einrichtungen, darunter das Goethe-Institut, angesiedelt haben, einen Schauraum bespielen.

          Palermo Looting statt Palermo Shooting, Palermo plündern, statt dort (nur) zu filmen, die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten könnte den Horizont erweitern. Düsseldorf mit seinem Überschuss an Zeitgenössischem, Palermo mit seinem Überfluss an historischen Schätzen: Komplementär, wie sie zueinander stehen, könnten sich beide Kunststädte neu kennenlernen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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