https://www.faz.net/-gqz-2ndi

Dress-Codes : Im Hundeschlitten zum Altar: Geht das?

  • -Aktualisiert am

Hochzeitskleider, die romantisch provozieren Bild: dpa

Brautkleider müssen nicht bieder sein. Nicolas Ghesquière von Balenciaga hat das Hochzeitskleid neu erfunden.

          2 Min.

          Das Pariser Modehaus Balenciaga ist durch den jungen Designer Nicolas Ghesquière zu einer Kultmarke geworden. Seine Bewunderer sprechen von einer "Neuen Romantik". Zu seiner Sommerkollektion sagte Ghesquière, er habe das Vokabular der Hochzeit ausgeschöpft. Er ließ eine lange Reihe weißer Kleider defilieren, die kreuz und quer angebrachte Spitzen, Gaze-Ranken, Volants, Federn und Perlenschnüre schmückten. Die abgerissene Grazie seiner Bordüren verlieh dem "Kleinen Weißen" einen Zug von Wildheit und moderner Ironie.

          Hochzeits-Dresscodes

          Indem Ghesquière die Brautgarderobe in ihre Elemente zerlegt und neu zusammensetzt, nimmt er ihr den zeremoniellen Sonderstatus. Zugleich wirft sein Verfahren die Frage auf, was von der Hochzeit übrig bleibt, wenn ihr zentraler Fetisch in die Sommermode abwandert.

          Die Braut wird sich ihr Vorrecht auf Weiß so schnell nicht nehmen lassen. Aber wie ziehen sich heute ihre Gäste an? Die Ratgeber in Umgangsfragen äußern sich lakonisch: Der Herr trägt bis sechs Uhr einen Cutaway, die Dame verzichtet auf Weiß und Schwarz. Doch damit ist die Garderoben-Landschaft erst grob kartographiert. Sie schließt das Aerobic-Top und die Latex-Hotpants nicht aus. In diesem Outfit gab ein weiblicher Hochzeitsgast jüngst Rätsel auf, bis er das junge Paar zu vorgerückter Stunde mit einer Rock ¹n roll-Nummer entzückte.

          Für einen Überblick in Hochzeitsfragen ist das britische Gesellschaftsmagazin "Tatler" keine schlechte Lektüre. Dass die geladene Dame das Übertrumpfen der Braut vermeiden müsse, wie Fürstin Gloria von Thurn und Taxis dekretiert, ist offenbar nicht über den Kanal gedrungen. In der "Tatler"-Sektion "Bystander" lassen sich nicht nur die bunt geblümten Westen, Nadelstreifenhosen und Knopflochnelken der Herren bewundern, sondern auch die unbekümmerte Eleganz der weiblichen Roben: Flamboyante Hüte, farbenfrohe Kostüme, zarte Kleider mit kleinen Jäckchen, große Stolen, Dekolletés, Federkrausen, Ansteckblumen und alter Schmuck steigern die allgemeine Stimmung.

          Offenbar hindert die elaborierte Verkleidung niemanden daran, sich zu amüsieren. Im Gegenteil. Was in der Kirche noch ein steifes Aussehen hatte, fördert die Ausgelassenheit im Anschluss um so mehr. Gerade die Briten, die wissen, wann sie sich herauszuputzen haben, machen der feierlichen Erregung gern in Nonsense Luft. So ist von Kirchgängen zu lesen, bei denen das Brautpaar im Hundeschlitten erschien, von einer Brautjungfer, die in letzter Minute den Trauring aufspürte und ein Feuerwehrauto anhielt, um mit Blaulicht zum Altar zu sausen.

          Opulentes Chaos

          Hochzeiten leben vom Überfluss und vom Überschuss an Energie. Sie schließen spielende Kinder und wackelige Urgroßeltern ein, lassen Luftballons wie Champagnerperlen steigen und symbolisieren den Ausnahmezustand durch vergänglichen Luxus und seltene Genüsse. Und obwohl mancher Gast sich in der flirrenden, erotisch aufgeladenen Atmosphäre eines langen Hochzeitstages erst wiederzuentdecken glaubt, lautet das einzige Tabu, ganz als man selbst zu kommen. Bequeme Alltagskleider, die Sachen, in denen sich der Mensch am wohlsten fühlt, haben auf der Feier nichts zu suchen. Das Geheimnis der Hochzeit besteht schließlich darin, dass nicht nur das Brautpaar eine Wandlung durchmacht, sondern auch jeder einzelne der Gäste. Er sollte riskieren, sich ein wenig fremd zu sein und nach ein, zwei Gläsern Wein entspannt zu sich zurückzufinden, um einem festlicheren Ich das Jawort zu geben.

          Zerzauste Hochzeitskleider, wie am nächsten Tag

          Nicolas Ghesquière hat nicht nur das Brautkleid dekonstruiert, sondern auch die dazu gehörende seelische Dramatik. Sein übermütiges Styling stattet die Balenciaga-Entwürfe mit allen Attributen der Festlichkeit aus. Zugleich erscheinen sie, als hätte die Hast einer ausgelassenen Brautnacht sie schon zerfetzt. Kultische Strenge und ausgelassenes Gelächter sind die Koordinaten, zwischen denen sich etabliert, was eine neue Generation romantisch nennt.

          Vielleicht sind die Tage der Jeans trotz allem gezählt und man wird in Zukunft die Regeln der Alltagskluft in Benimmbüchern nachlesen müssen, damit sie den Hochzeiten noch einen kleinen Vorsprung läßt.

          Weitere Themen

          Wer hat noch Mut zum Zweifeln?

          Politische Willensbildung : Wer hat noch Mut zum Zweifeln?

          Politik ist die Vertretung von Interessen. Aber die werden kaum noch ausgesprochen. Statt Streit zuzulassen, erstickt man ihn meistens schon im Keim. Über einen immer enger werdenden Spielraum.

          Topmeldungen

          Die Gesundheit des Babys ist für Eltern das höchste Gebot – nicht erst ab der Geburt.

          Verfrühter Mutterschutz : Kaum schwanger, schon weg

          Immer häufiger werden Erzieherinnen und Lehrerinnen lange vor der Geburt des Kindes krankgeschrieben. In vielen Kitas und Grundschulen führt das zu Schwierigkeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.