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Dresdner Residenzschloss : Der Wille zur Pracht

Die Prunkgewänder eines Königs

Wer wollte damit richten? Zumal es ja nicht nur die originalgetreue Anschauung der barocken Repräsentationskultur gibt, sondern in vier benachbarten Räumen auch noch eine museale Präsentation von Objekten jener Zeit, die ihresgleichen sucht – und nicht finden dürfte. In insgesamt dreizehn Vitrinen werden Gewänder von August dem Starken und Geschenke anderer Fürsten an ihn ausgestellt, und jedes überlebende Exemplar solcher Textilien ist schon für sich ein Wunder, vom nahezu perfekten Erhaltungszustand gar nicht zu reden. Wenn der Zustand eines Stoffes seine Ausstellung nicht mehr gestattet, wie etwa beim polnischen Krönungstalar Augusts aus dem Jahr 1697, wurde auch er fadengenau nachgeschaffen. Das Resultat ist zu sehen an der sogenannten Krönungsfigur, die der König selbst mit seinen Gewändern des Krönungstags ausstatten und in Dresden aufstellen ließ, versehen mit einer lebensechten Wachsmaske des eigenen Gesichts. Diese Figur steht nun zum Abschluss des Wegs durch die Paraderäume mitten unter anderen Insignien der Wettiner-Macht wie dem sächsischen Kurhut, polnischen und litauischen Krönungsfahnen oder dem Geweihten Hut, einem Geschenk des Papstes.

Und ganz versteckt, in einem anderen kleinen Turmgemach, liegt als Einzelobjekt die legendäre Versinnbildlichung der Stärke von König August, den man den Starken nannte: ein Hufeisen, das er im Februar 1711 eigenhändig zerbrochen haben soll. Materialuntersuchungen haben ergeben, dass es sich dabei im Gegensatz zu all dem echten Gold und Glanz des Paradeappartements um einen Taschenspielertrick gehandelt hat, aber das passt zum neuen Aufbewahrungsort, denn auch dieses Turmzimmerchen ist eine Fälschung, eine Ergänzung der barocken Zimmerflucht aus dem Jahr 1896. Und beim Blick durch den Gazevorhang des Fensters ins Freie scheint unmittelbar vor dem Fenstersims ein weiteres Hufeisen aufzuragen. Erst von außen sieht man hinaufschauend, dass es sich dabei um die Helmbekrönung eines sächsischen Wappenschildes im Fassadenschmuck handelt, die ein Geweih darstellen soll.

Leidenschaft als wichtigster Antrieb

Aber kaum ein Zweifel, dass Dirk Syndram und seine Mitarbeiter auch diese Assoziation mitbedacht haben bei der Plazierung des zerbrochenen Hufeisens gerade hier. Der englische Keramikkünstler und Schriftsteller Edmund de Waal, der am Tag der Eröffnung der Paraderäume auch in Dresden war, pries die Stadt, in der nach chinesischem Vorbild das europäische Porzellan „entdeckt“ worden war, für diese „reinvention out of obsession“ – Wiedererfindung durch Leidenschaft. Besser kann man nicht formulieren, was hinter dem einmaligen Rekonstruktionsprojekt des Residenzschlosses steckt. Wunder braucht es gar nicht, nur vereinten Willen.

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