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Dresdner Residenzschloss : Der Wille zur Pracht

Man fand ihn in Sachsen, während für die originalgetreue Anfertigung der riesigen Wandbehänge aus rotem und grünem Samt oder gewebter Tapisseriebahnen mit Säulendarstellungen, die den Räumlichkeiten ihren wahlweise antiken oder orientalischen Charakter verliehen hatten, Manufakturen in Frankreich, Spanien und Italien gefunden wurden. So wie August der Starke in ganz Europa für seine Paraderäume einkaufen ließ, brauchte man heute auch wieder Hilfe aus ganz Europa für deren Wiederherstellung.

Eine der in Spanien nachgewebten Pilaster-Tapisserien. Bislang sind von deren zwölf erst neun fertig geworden.

Nur spielte Geld für den Kurfürsten-König damals keine Rolle, was er auch dadurch deutlich machte, dass er seine Gäste im Jahr 1719 vor Betreten des Paradeappartements noch durch ein Turmzimmer im zweiten Geschoss gehen ließ, in dem er seinen Silberschatz präsentierte. Um Diebstähle zu vermeiden, durften sie dort nicht stehen bleiben, denn die wertvollen Objekte standen frei zugänglich – so wie heute sämtliche Ausstattungsstücke in den Paraderäumen, die nur durch akustische Warnsignale geschützt werden, damit nicht durch Absperrungen der ursprüngliche Eindruck getrübt wird. Im Turmzimmer darf man nun also stehen bleiben und die rekonstruierten zinnoberroten Holzvertäfelungen der Barockzeit unter der ebenfalls wiederhergestellten Renaissancedecke bewundern. Vor allem aber die auf goldenen Konsolen aufgestellten Meißner Porzellane, die einige Jahre nach 1719 als viel repräsentativer für den Reichtum Sachsens galten als das zuvor ausgestellte Silber. Im Laufe der Jahrhunderte sind allerdings drei Viertel der im achtzehnten Jahrhundert hier aufbewahrten Porzellane verlorengegangen, und die resultierenden Lücken im nun als „Porzellankabinett“ bezeichneten Raum machen das deutlich.

Welche Rolle die Kosten spielen

Hier ist noch am meisten zu vollenden: Viele Konsolen wurden nicht rechtzeitig fertig, und am Oberrand der Holzvertäfelung sind statt noch fehlender Schnitzornamente auf Plexiglas gedruckte Abbildungen davon angebracht. Und trotzdem bietet das Kabinett ein grandioses Entree; man wünschte sich nur, die auf beiden Seiten angrenzenden großen Räume – Ball- und Thronsaal im neunzehnten Jahrhundert – würden auch noch rekonstruiert, wie es vor Jahren vorgesehen war. Aus finanziellen Erwägungen sollen hier aber erst einmal Ausstellungsräume entstehen.

Das Turmkabinett war eine wichtige Station auf dem Weg zu den Paraderäumen. Leere Konsolen an den Wänden zeigen das Ausmaß der Verluste an Porzellan.

Denn heute spielen Kosten eine Rolle, und für die Rekonstruktion der Paraderäume und des Porzellankabinetts waren vierzig Millionen Euro vorgesehen (ein Zehntel der Gesamtsumme für den Schlosswiederaufbau), die auch eingehalten wurden. Allerdings um den Preis einer gewissen Langsamkeit, etwa im Falle von zwölf gewebten Säulentapisserien für das Erste Vorzimmer, von denen bis jetzt erst drei fertig geworden und nun angebracht sind. Ursprünglich stammten sie wohl aus Berlin, und ihre fadengenaue Nachfertigung war nur möglich, weil sich in Polen zwei Tapisserien vom wohl gleichen Hersteller erhalten haben, die 1733 vom sächsischen Hof bestellt worden waren. Sie ähneln den auf den Zeichnungen zur Hochzeitsfeier von 1719 abgebildeten Textilien und dienten deshalb als Vorbild. Jeder einzelne Zentimeter der meterhohen Bahnen erfordert indes einen Tag Handarbeit. Die noch fehlenden neun Tapisserien werden deshalb im Appartement erst einmal durch einfarbig und bewusst leicht unscharf reproduzierte Textildrucke ersetzt, bis dann im Laufe der nächsten Jahre die Nachlieferung erfolgt. Dem Staunen über die entfaltete Pracht der Neueröffnung tut das keinen Abbruch, womöglich vermehrt es den Reiz eines Besuchs noch: Es wird spannend sein, die Vollendung der Paraderäume zu begleiten. Mag sein, dass sie länger dauern wird als die Fertigstellung des Schlosses selbst.

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